{"id":9850,"date":"2013-01-01T00:32:26","date_gmt":"2012-12-31T23:32:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=9850"},"modified":"2012-12-30T17:35:55","modified_gmt":"2012-12-30T16:35:55","slug":"%e2%80%9ehunger-schlagen-brullen-schreien-tote-und-%e2%80%a6-%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2013\/01\/%e2%80%9ehunger-schlagen-brullen-schreien-tote-und-%e2%80%a6-%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"\u201eHunger, Schlagen, Br\u00fcllen, Schreien, Tote und \u2026..\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>KZ-\u00dcberlebende Erna de Vries erz\u00e4hlt Sch\u00fcler\/Innen der Schule am Schloss \u00a0von ihren Erlebnissen als Erinnerungsarbeit f\u00fcr das Bewusstsein f\u00fcr das Vergangene<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><\/em>\u201eDu wirst \u00fcberleben, und dann wirst du erz\u00e4hlen, was mit uns geschehen ist\u201c, so lautete der Auftrag, den Erna de Vries bei der Trennung von ihrer Mutter im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau erhalten hatte. Selbst im Alter von 89 Jahren folgt sie dieser Aufforderung schon seit \u00fcber 20 Jahren und war daher auf Einladung der Religionslehrerin Angela Eilermann k\u00fcrzlich wieder in S\u00f6gel. Diesen Besuch sieht die Schule als wichtigen Beitrag, um die Sch\u00fclern der 8., \u00a09. und 10. Klassen f\u00fcr das Thema Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sensibilisieren und um sie zu warnen, dass in Zukunft nicht wieder \u00e4hnliche Gr\u00e4uel geschehen. F\u00e4cher\u00fcbergreifend hatten sich die Sch\u00fcler\/Innen im Geschichts-, und Religionsunterricht intensiv mit dem Thema \u201eNationalsozialismus\u201c auseinandergesetzt und lauschten nun aufmerksam und tief bewegt den Worten der Zeitzeugin Erna de Vries.<\/p>\n<p>Erna de Vries, die 1923 in Kaiserslautern geboren wurde und heute in Lathen als Ehrenb\u00fcrgerin wohnt, begann ihre Schilderung damit, dass ihr Vater Protestant war und ihre Mutter J\u00fcdin. Kurz nach Hitlers Machtergreifung begannen die Anfeindungen gegen j\u00fcdische B\u00fcrger, und es kamen immer wieder neue Gesetze, die ihnen das Leben zur H\u00f6lle machten. Als Schulkind wurde sie bald in einer j\u00fcdischen Sonderklasse untergebracht, wo sie sich seltsamerweise auch aufgehoben f\u00fchlte. Denn dort bekam sie u. a. auch \u00a0Hintergrundwissen \u00fcber den j\u00fcdischen Glauben und \u00fcber j\u00fcdische Gebr\u00e4uche, bis schlie\u00dflich nach der Reichspogromnacht j\u00fcdischen Kindern \u00fcberhaupt kein Schulbesuch mehr erlaubt war. Sie \u00fcbernahm eine T\u00e4tigkeit in der Krankenpflege, um ihre Mutter, die inzwischen Witwe war und eine kleine Logistikfirma f\u00fchrte, finanziell zu unterst\u00fctzen. Ihr Wunsch, einmal \u00c4rztin zu werden, wurde ihr jedoch verwehrt. Dann wurde die Wohnung der Familie Korn verw\u00fcstet und im Juli 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert. Obwohl f\u00fcr Erna kein Aufruf erfolgt war und sie wusste, was der Transport nach Ausschwitz-Birkenau f\u00fcr sie und ihre Mutter bedeutete, ging sie auf eigenen Wunsch mit, da sie bei ihrer Mutter bleiben wollte. Auch bei Erna Korn \u00a0wurde nach ihrer Ankunft in Ausschwitz eine Nummer an ihrem linken Arm eint\u00e4towiert und sie musste unter schrecklichen, menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen namenlos &#8211; als eine einfache Nummer bezeichnet &#8211; dort arbeiten und leben.<\/p>\n<p>In der Folgezeit gelang es ihr noch, sich von ihrer Mutter zu verabschieden, die am 8. November 1943 im KZ umgekommen ist. Dabei erhielt Erna den obigen Auftrag.<\/p>\n<p>Eine erdr\u00fcckende Stille herrschte in der Aula des H\u00fcmmling-Gymnasiums, und die Sch\u00fcler lauschten mit betroffenen Gesichtern den weiteren Schilderungen von Erna de Vries, als diese detailliert und eindringlich von dem Tag erz\u00e4hlte, als sie mit vielen anderen Frauen, die arbeitsunf\u00e4hig geworden waren, in den Todesblock 25 getrieben wurde. Am anderen Tag sollten sie vergast werden. Die damals 19j\u00e4hrige Erna de Vries hatte noch einen Wunsch, bevor sie sterben sollte. \u201eIch m\u00f6chte noch einmal die Sonne sehen\u201c, hatte sie gebetet. Und als sie die ersten Sonnenstrahlen erblickte, wurde ihre Nummer aufgerufen. Ein NS- Mann sagte zu ihr: \u201eDu hast aber Gl\u00fcck. Du darfst leben\u201c, und so kam sie als so genannter \u201ej\u00fcdischer Mischling\u201c ins KZ \u00a0nach Ravensbr\u00fcck und wurde zur Zwangsarbeit verurteilt.<\/p>\n<p>Im April 1945 wurde das Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck ger\u00e4umt und alle Insassen in Richtung Nordwesten in den Todesmarsch getrieben, der Erna de Vries und die Mith\u00e4ftlinge durch das heutige Mecklenburg \u2013 Vorpommern f\u00fchrte. Als sie v\u00f6llig ersch\u00f6pft und am Ende ihrer Kr\u00e4fte nicht mehr weitergehen konnte und wollte, wurde ihr Treck von alliierten Soldaten befreit. So hatte Erna de Vries die Gr\u00e4uel von Ausschwitz und Ravensbr\u00fcck \u00fcberlebt und war endlich frei! Doch viele Tausende weibliche oder m\u00e4nnliche Mitinsassen fanden leider den bitteren Tod.<\/p>\n<p>Mit drei Freundinnen hielt Erna sich durch Betteln \u00fcber Wasser und lebte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in K\u00f6ln, wo sie Josef de Vries kennenlernte und 1947 heiratete. Mit ihm hat sie drei Kinder. Ihr Mann war Jude und auch jahrelang in einem Konzentrationslager gewesen. Mit ihm ging sie in seinen Heimatort Lathen, wo sie heute als Ehrenb\u00fcrgerin lebt.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler waren so sehr bewegt, dass sie einige Zeit ben\u00f6tigten, um das Geh\u00f6rte zu verarbeiten. Erst dann waren sie in der Lage, offene Fragen an Frau de Vries zu richten. (\u2026..)<\/p>\n<p>\u201eHaben sie noch heute Hass auf die Deutschen?\u201c Erna de Vries antwortete geduldig: \u201eIch habe nie Hass empfunden, was mir dabei geholfen hat, das alles zu verarbeiten. Ich habe auch in der schrecklichen Zeit viele gute Menschen an meiner Seite gehabt, die mir geholfen haben, darunter war auch eine gute Nachbarin, die mit Lebensmitteln ausgeholfen und sich dadurch selbst in Gefahr gebracht hat. Ich erlebte immer wieder kleine Gesten des gegenseitigen Helfens und Mutmachens. Weil es diese guten Menschen gegeben hat, kann ich heute noch die Sonne sehen\u201c.<\/p>\n<p>Eine weitere Frage lautete: \u201eWas haben Sie empfunden, als sie geh\u00f6rt haben, dass Ihre Mutter tot ist?\u201c \u201eIch habe nur gedacht, jetzt kann ihr niemand mehr was tun\u201c, antwortete Erna de Vries. Ein anderer Sch\u00fcler fragte: \u201eWas empfinden Sie, wenn Sie heute das Wort Konzentrationslager h\u00f6ren?\u201c \u201eMit Konzentrationslager verbinde ich Hunger, K\u00e4lte, schwere Arbeit, mangelnde Hygieneverh\u00e4ltnisse, Ungeziefer, Tote, Schreien, Br\u00fcllen und Schlagen\u201c, war die Antwort. Weiter wurde gefragt:<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie heute noch Albtr\u00e4ume wegen der schrecklichen Erlebnisse?\u201c \u201eIch behalte keine Tr\u00e4ume, aber ich werde jeden Tag durch irgendeinen Ansto\u00df an die schrecklichen Erlebnisse erinnert, allein schon durch die eint\u00e4towierte Nummer auf meinem linken Arm\u201c, erkl\u00e4rte Erna de Vries. \u201eHaben Sie darunter gelitten, nicht \u00c4rztin geworden zu sein?\u201c fragte eine Sch\u00fclerin. \u201eJa, anfangs schon, doch heute bin ich stolz, dass einige meiner Kinder und Enkelkinder die Chance hatten, einen medizinischen Beruf zu erlernen\u201c, gab Erna de Vries freudig als Antwort.<\/p>\n<p>Nach der Fragerunde bedankte sich Schulleiterin Maria Lau bei Erna de Vries f\u00fcr den sehr informativen und bewegenden Vortrag und daf\u00fcr, dass sie sich so geduldig den vielen Fragen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gestellt hatte. \u201eDadurch haben unsere Sch\u00fcler noch tiefere Einblicke in Ihr grauenvolles Schicksal bekommen. Gerade in der heutigen Zeit ist es sehr wichtig, jungen Menschen Geschichte begreiflich zu machen, wobei pers\u00f6nliche Schilderungen intensiver wirken. Mit Ihrem Vortrag haben Sie wieder ein St\u00fcck Erinnerungsarbeit f\u00fcr das Bewusstsein f\u00fcr das Vergangene geleistet\u201c, f\u00fcgte Frau Lau hinzu und Lau \u00fcberreichte ihr noch eine \u201eGeldspende\u201c f\u00fcr ein Baum-Aufforstungsprojekt in Israel.<\/p>\n<p>Text und Foto: Gisela Arling<\/p>\n<div id=\"attachment_9851\" style=\"width: 295px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Erna-de-Vries.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9851\" class=\"size-medium wp-image-9851\" title=\"Erna de Vries\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Erna-de-Vries-285x300.jpg\" alt=\"\" width=\"285\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Erna-de-Vries-285x300.jpg 285w, https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Erna-de-Vries.jpg 570w\" sizes=\"auto, (max-width: 285px) 100vw, 285px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9851\" class=\"wp-caption-text\">Das Foto zeigt von links: Religionslehrerin Frau Angela Eilermann, Frau Erna de Vries und Schulleiterin Frau Maria Lau<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"KZ-\u00dcberlebende Erna de Vries erz\u00e4hlt Sch\u00fcler\/Innen der Schule am Schloss \u00a0von ihren Erlebnissen als Erinnerungsarbeit f\u00fcr das Bewusstsein f\u00fcr das Vergangene \u201eDu wirst \u00fcberleben, und dann wirst du erz\u00e4hlen, was mit uns geschehen ist\u201c, so lautete der Auftrag, den Erna de Vries bei der Trennung von ihrer Mutter im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau erhalten hatte. 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