{"id":4410,"date":"2011-02-01T00:51:58","date_gmt":"2011-01-31T23:51:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=4410"},"modified":"2011-01-29T16:53:11","modified_gmt":"2011-01-29T15:53:11","slug":"der-weidezaun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2011\/02\/der-weidezaun\/","title":{"rendered":"Der Weidezaun"},"content":{"rendered":"<p>Gerade als Anton sich die Jacke anzog, fing es an zu regnen. Es war Melkzeit und er wollte von der ungef\u00e4hr einhundert Meter entfernt liegenden Weide seine K\u00fche in den Stall holen. Es war erst gegen halb vier Uhr nachmittags, als eine Wolkenwand den Himmel verdunkelte. Vorsichtshalber schnappte Anton sich den Friesennerz und zog ihn \u00fcber. Zum Gl\u00fcck, denn nach wenigen Metern sah er fast keinen Weg mehr. Es sch\u00fcttete wie aus Eimern. Doch was half es. Tiere sind nun mal keine Maschinen, die man eventuell drau\u00dfen stehen lassen k\u00f6nnte. Also Augen zu und durch &#8230;<\/p>\n<p>Als er an der Weide ankam, warteten die K\u00fche schon am Gatter. Den Heimweg fanden sie allein. Im Stall angekommen, sahen alle aus wie frisch gebadet, einschlie\u00dflich Anton. Ihm war das Wasser, trotz \u00d6lzeug, bis auf die Haut gelaufen und in den Stiefeln konnte er Wassermassage betreiben! Nachdem die Tiere gemolken und mit etwas Kraftfutter versorgt waren, beschloss er, bei diesem Sauwetter sein Vieh \u00fcber Nacht im Stall zu lassen. Das hatte zudem den Vorteil, dass er sie am Morgen zum Melken nicht wieder von der Weide holen musste.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen strahlte die Sonne als sei tags zuvor nichts gewesen. Immerhin schrieb man August. Nach der Versorgung seiner Stallinsassen trieb er sie zur\u00fcck auf die Weide. Doch Moment mal! Was war denn das? Tiefe Reifenspuren verrieten, dass in der Nacht hier jemand mit dem Auto unterwegs gewesen sein musste. Und dieser Jemand war offensichtlich vom Weg abgekommen und hatte den Weidezaun auf einer L\u00e4nge von zehn Metern niedergewalzt. \u201eSo ein Bazi&#8220;, schimpfte er, \u201eder h\u00e4tte wenigstens eine Nachricht hinterlassen k\u00f6nnen. Nun ja&#8220;, sinnierte er weiter, \u201ewom\u00f6glich w\u00e4re der Zettel vom Regen aufgeweicht und unleserlich geworden.&#8220;<\/p>\n<p>Provisorisch stellte er die Pf\u00e4hle wieder auf; er w\u00fcrde mit dem Traktor, ein paar neuen Pfosten und einigen Metern Draht noch einmal wiederkommen m\u00fcssen. Zu Maria meinte er, dass er das erledigen w\u00fcrde, nachdem er die Milch zum Abholpunkt gebracht h\u00e4tte. Es k\u00f6nne also ein bisschen dauern.<\/p>\n<p>Der darauf folgende Tag war Sonntag. Zuerst kam das Vieh dran, dann fr\u00fchst\u00fcckten sie gen\u00fcsslich und machten sich fertig f\u00fcr den Kirchgang. Auf halbem Weg trafen sie ihren Nachbarn Mooser. Nach einem Gr\u00fc\u00df Gott erz\u00e4hlte er ihnen folgende Geschichte: \u201eIhr wisst doch, dass ich nicht weit vom Hof ein St\u00fcck Wald habe.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eJa und?&#8220;, fragte Anton.<\/p>\n<p>Stellt Euch vor, ich hatte ein paar Meter Holz f\u00fcr den Winter vorbereitet und als ich es gestern Nachmittag abholen wollte, war, bis auf drei kurze St\u00e4mme, alles verschwunden. Ich habe schon herum gefragt, aber keiner hat etwas gesehen oder ist es gar gewesen.&#8220;<\/p>\n<p>Darauf hin erz\u00e4hlte Anton dem Nachbarn die Story von dem umgenieteten Weidezaun und beide \u00fcberlegten, ob das wohl derselbe Spezi gewesen sein konnte.<\/p>\n<p>Eine Woche verging; es wurde Samstag und der Stammtisch stand an. Sie trafen sich alle drei Wochen im Dorfkrug zum Doppelkopf spielen. Dabei wurde so manches Ma\u00df geleert. Anton hatte diesmal viel Zeit. Maria hielt sich bei Verwandten auf und konnte somit nicht meckern, wenn es etwas sp\u00e4ter wurde und, was sie besonders hasste, er nicht ganz standfest auf den Beinen, heimkam. Der Wirt hatte in der vergangenen Woche Geburtstag und lie\u00df sich an diesem Abend seinen Stammg\u00e4sten gegen\u00fcber nicht lumpen. Es kam was kommen musste: es wurde sehr sp\u00e4t und Anton, wie auch die Anderen, waren absolut nicht mehr sicher auf den Beinen. Ungef\u00e4hr zwei Uhr in der Fr\u00fch verabschiedeten sie sich vor der T\u00fcr und jeder machte sich auf den Weg. Anton kam auf dem Heimweg an der Kirche vorbei und konnte nicht widerstehen. Die T\u00fcr war offen; im wahrsten Sinne des Wortes Gott sei Dank, und er betrat das Gotteshaus. Er setzte sich in eine Bank, wollte nur ein wenig ausruhen. Dann schlief er ein. Ein Ger\u00e4usch an der Eingangst\u00fcr weckte ihn und Anton bekam einen ziemlichen Schrecken. Es war bereits sieben Uhr und die ersten Gl\u00e4ubigen betraten die Kirche. Das fehlte ihm noch, dass ihn hier jemand sah. Ohne weiter nachzudenken, erkor er sich den Beichtstuhl als Versteck, zog die Vorh\u00e4nge zu und hoffte, dass die Leute nach Verrichtung ihres Gebets wieder verschwanden. Danach wollte auch<\/p>\n<p>er sich unbemerkt davon machen. Doch was war das? Ausgerechnet jetzt kam jemand, um die Beichte abzulegen. Nun war guter Rat teuer; einen Ausweg gab es nicht. Also hielt Anton sich ein Taschentuch vor den Mund und verstellte seine Stimme. Nach zehn Minuten war der Vorgang beendet und er dachte: Hoffentlich hat der mich nicht erkannt, doch in seinem Gesicht stand ein viel sagendes L\u00e4cheln. Vorsichtig sah Anton sich um. Die Kirche hatte sich inzwischen wieder geleert; schnell verlie\u00df auch er das Gotteshaus. Sein Vieh daheim w\u00fcrde sicher Theater machen und er \u00fcberlegte, dass es heute wohl ein Segen sein w\u00fcrde, dass nur das Vieh Theater machte&#8230;<\/p>\n<p>Im Laufe der neuen Woche kontrollierte Anton seinen Weidezaun. Das nahm eine Weile in Anspruch und mit jedem Meter, den er abschritt, feixte er in sich hinein. Gelungen, schmunzelte er. Auch am kommenden Sonntag trafen Maria und Anton wieder ihren Nachbarn. Der Mooser nahm den Anton zur Seite und berichtete ihm eine absonderliche Geschichte. \u201eDu erinnerst dich an meine geklauten Baumst\u00e4mme?! Da komme ich nun am vergangenen Mittwoch an meinen Wald, um ein paar B\u00e4ume als Ersatz f\u00fcr das gestohlene Holz zu schlagen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>\u201eJa und, das ist doch nichts Ungew\u00f6hnliches?&#8220;<\/p>\n<p>\u201eNein, das nicht \u2014 doch das Holz war wieder da! Und nicht nur wieder da, sondern auch noch sauber gehackt und gestapelt. Ich brauchte nur noch aufzuladen und es heimzubringen!&#8220;<\/p>\n<p>\u201eNa, so was!&#8220;, antwortete Anton und grinste innerlich.<\/p>\n<p>Die Wochen vergingen und es war wieder einmal der Stammtisch-Samstag. Sie hatten ihre ersten Runden Doppelkopf gespielt als Anton am Nebentisch eine Geschichte mitbekam: \u201eStellt Euch vor&#8220;, begann ein Gast, \u201eda gehe ich vor drei Wochen morgens in die Kirche zum Beichten und der Pfarrer sitzt schon im Beichtstuhl. Das ist nicht weiter ungew\u00f6hnlich, doch der sprach so komisch, gar nicht nach unserem Pfarrer. Und die Bu\u00dfe, die er mir aufgab, war genauso seltsam. Kein Gebet, wie \u00fcblich.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eWas hat er denn verlangt&#8220;, fragten die Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>Der Sprecher lehnte sich \u00fcber den Tisch und sagte leise, was der Pfarrer ihm auferlegt habe.<\/p>\n<p>Die Doppelkopfrunde war inzwischen neugierig geworden, was denn da am Nebentisch so Interessantes zu h\u00f6ren sei. Anton besonders, er verga\u00df sogar, die Karten f\u00fcr das n\u00e4chste Spiel auszugeben. Als sie ihn fragten, warum ihn das so interessieren w\u00fcrde, feixte er und gab seine Geschichte zum Besten.<\/p>\n<p>Erinnert Ihr Euch noch an unseren letzten Doppelkopfabend? Der Wirt hatte uns, anl\u00e4sslich seines Geburtstages, nicht gerade auf dem Trockenen sitzen lassen. An diesem Abend, oder besser in der Nacht, hatte ich, als ich an der Kirche vorbei kam, das Bed\u00fcrfnis etwas auszuruhen, ein Gebet zu sprechen, und bin hinein gegangen. Dabei muss ich auf der Bank eingeschlafen sein. Als ein Besucher die Kirche betrat, wachte ich vom Quietschen der Kirchent\u00fcr auf Da mich niemand sehen sollte, blieb mir als einziges Versteck der Beichtstuhl. Ausgerechnet dahin trieb es den morgendlichen Kirchg\u00e4nger. Der wiederum glaubte, dass der Pfarrer schon dort sitzen w\u00fcrde und erz\u00e4hlte ihm seine Missetaten von dem demolierten Weidezaun und dem entwendeten Holz am Waldrand. Ich durfte mich nun nicht zu erkennen geben, habe deshalb meine Stimme verstellt und ihm als Bu\u00dfe die \u00dcberpr\u00fcfung des gesamten Weidezaunes nebst Reparatur, sowie den R\u00fccktransport des Holzes \u2014 und zwar im gehackten Zustand \u2014 auferlegt.<\/p>\n<p>Alle Mitspieler hatten mit gro\u00dfen Augen und offenem Mund zugeh\u00f6rt. Wie auf ein geheimes Kommando wandten sich die Blicke zum Nachbartisch &#8230; und dann brach es aus ihnen heraus. Sie lachten bis sie keine Luft mehr bekamen \u00fcber den \u00dcbelt\u00e4ter, aber auch \u00fcber Antons Reaktion. Selbst als die Anwesenden zu ihnen her\u00fcber sahen, waren sie nicht in der Lage, ein Wort zu sagen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich machte diese Geschichte im Dorf die Runde! Auch der Pfarrer erfuhr davon und wurde an einem der n\u00e4chsten Tage auf dem Hof bei Maria und Anton vorstellig.<\/p>\n<p>Au weh, dachte Anton, jetzt wird&#8217;s ungem\u00fctlich. Schnell ging er ins Haus, lie\u00df seine Frau einen guten Kaffee kochen und stellte seinen besten Cognac dazu.<\/p>\n<p>Als der Pfarrer das Haus betrat und den gedeckten Tisch sah, musste er \u00fcber sein Sch\u00e4fchen im Stillen doch ein wenig grinsen. Laut sagte er: \u201eWas hast du dir eigentlich dabei gedacht, einfach in den Beichtstuhl zu gehen und unberechtigterweise einem armen S\u00fcnder die Beichte abzunehmen? Ich hoffe, das war das einzige Mal! Mit drei Ave Maria will ich dir aber vergeben&#8220;, l\u00e4chelte der Pfarrer und sprach, zu Maria gewandt, \u201ees war eine gerechte Strafe. Ich h\u00e4tte es nicht besser machen k\u00f6nnen. Derjenige tut das bestimmt nicht wieder; denn mit der Tatsache zu leben, dass das ganze Dorf Bescheid wei\u00df, ist schlimmer, als wenn er eine Anzeige bekommen h\u00e4tte, die sp\u00e4ter wegen Geringf\u00fcgigkeit vermutlich eingestellt worden w\u00e4re.&#8220; Mit diesen Worten trank der Pfarrer seinen Kaffee und einen gut bemessenen Cognac, wobei er geflissentlich Marias fragende Blicke \u00fcbersah. Strafe muss sein, grinste der Pfarrer im Stillen, soll Anton doch mal zusehen, wie er seiner Maria die seltsamen Geschehnisse in der Kirche erkl\u00e4rt&#8230;!<\/p>\n<p>Textbeitrag :Jochen Krohn Leverkusen <a href=\"mailto:rjkrohn@t-online.de\">rjkrohn@t-online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gerade als Anton sich die Jacke anzog, fing es an zu regnen. Es war Melkzeit und er wollte von der ungef\u00e4hr einhundert Meter entfernt liegenden Weide seine K\u00fche in den Stall holen. 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