{"id":29979,"date":"2020-12-20T16:52:49","date_gmt":"2020-12-20T15:52:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=29979"},"modified":"2020-12-20T16:52:50","modified_gmt":"2020-12-20T15:52:50","slug":"tiere-in-der-palliativen-begleitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2020\/12\/tiere-in-der-palliativen-begleitung\/","title":{"rendered":"Tiere in der palliativen Begleitung"},"content":{"rendered":"\n<p>S\u00f6gel &#8211; \u201eIch lege die Hand des Sterbenden auf Oskars Fell, und dann passiert jedes Mal dasselbe: Die Menschen seufzen auf und fangen an, gleichm\u00e4\u00dfig zu atmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So erlebt die ehrenamtliche Hospizhelferin A. Gorniak die Situation einer Begleitung, wenn ihr Hund Oskar (van Bekethal), ein Bolonka-Zwetna, sie auf ihre Eins\u00e4tze &#8211; immer in Absprache mit den Betroffenen &#8211; begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Menschen und seine Zugeh\u00f6rigen in der letzten Lebensphase zu begleiten und dabei alle Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche zu ber\u00fccksichtigen, das ist die Aufgabe eines Hospizhelfers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es sich dann um einen Menschen handelt, der in seinem Leben immer eine enge Beziehung zu Tieren hatte, versuchen wir dies in der Begleitung zu ber\u00fccksichtigen und bringen dann, auf Wunsch und in Absprache z.B. den kleinen Oskar mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Aussagen \u00fcber die Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung in Zusammenhang mit der Palliativmedizin und Palliativpflege hat es schon fr\u00fch gegeben. In einem 12.000 Jahre alten Grab in Israel fand man einen verstorbenen Mann, dessen Hand auf die Schulter eines toten Hundes gelegt war. Dies kann als erster Fund bezeichnet werden, in der die Beziehung zwischen Mensch und Tier dargestellt ist (Olbrich, KDA, S.5). Tiere in den Prozess der Therapie mit einzubeziehen ist keine neu erfundene Methode.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere tun (alten) Menschen gut. Nicht umsonst umgeben sich \u00fcberall auf der Welt Menschen freiwillig mit Haustieren, die erst einmal keinen anderen \u201eNutzen\u201c als ihre pure Gegenwart aufweisen. 2017 lebten nach Angaben des Industrieverbandes Heimtierbedarf (IVH) e.V. und des Zentralverbandes Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V. (ZZF) 34,3 Millionen Hunde, Katzen, Kleins\u00e4uger und Zierv\u00f6gel unter deutschen D\u00e4chern. Hinzu kommen zahlreiche Zierfische und Terrarientiere. Fast jeder zweite Haushalt beherbergt ein Heimtier, wobei in jedem vierten die Tierbesitzer \u00e4lter als 60 Jahre sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere \u201ewirken ganzheitlich\u201c, das hei\u00dft auf der k\u00f6rperlichen, seelischen und sozialen Ebene. Denn w\u00e4hrend viele pflegende Familien sowie professionell Pflegende keinen Zugang mehr zu den Erkrankten haben, die scheinbar in ihrer ganz eigenen Welt leben, sind Tiere so etwas wie \u201eT\u00fcr\u00f6ffner\u201c: Sie finden Zug\u00e4nge, die Menschen oft verborgen bleiben. Die Mitbewohner mit Fell, Federn und Flossen leben dort, weil viele H\u00e4user unter bestimmten Voraussetzungen den Miteinzug eines geliebten kleinen Haustieres erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Begegnungen des Menschen mit einem Tier bewirken \u201eHeilungsprozesse\u201c, die auf komplex zusammenh\u00e4ngende physische, psychische und soziale Allgemeinzustands-verbesserungen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind und deren Wirkungen ebenfalls auf den Sterbeprozess \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen (Claus 2003, Otterstedt&nbsp; 2003). Durch die Anwesenheit von Tieren \u00e4u\u00dfern sich Empfindungen von Angst, Einsamkeit und Depression weniger stark (Francis et al. 2007; Brooks et al. 2008). Damit einhergehend senken Tiere die Herzschlagfrequenz sowie den Blutdruck von Menschen, sobald Tiere betrachtet oder ber\u00fchrt werden (Jenkins 1986, Wells 2009, Muschel 1984, Beck\/Katcher 2003, Franklin et al. 2007, Otterstedt 2003).<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere sind wichtige palliative Ressourcen im Sterbeprozess. Sie erg\u00e4nzen die Pfleget\u00e4tigkeit des medizinischen Personals und die durch Angeh\u00f6rige und Personal nicht immer erf\u00fcllbaren Bed\u00fcrfnisse von Sterbenden nach N\u00e4he, Vertrautheit und allt\u00e4glichen Gewohnheiten. Tiere &#8211; sie sind stille Zuh\u00f6rer, dem sich Sterbende meist intensiver anvertrauen als einem Menschen. Sie sind in ihren Ber\u00fchrungen vorsichtig und sanft, und sie k\u00f6nnen mit ihrer N\u00e4he und Z\u00e4rtlichkeit Belastungssymptome mindern und medikament\u00f6sen Einsatz verringern<\/p>\n\n\n\n<p>Die Position der Tiere als selbstverst\u00e4ndliches Element der Sterbebegleitung, z. B. als sozialpsychologische Kommunikatoren und stille Begleiter, anzuerkennen, und diese aktiv im Hospiz, Altenheimen oder der h\u00e4uslichen Pflege einzubinden, ist ein gewinnbringender Aspekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere und Menschen werden im Sterbeprozess in der Regel voneinander getrennt (Stang 2011). Im Krankenhaus oder Altenheim, den h\u00e4ufigsten Sterbeorten in Europa (Th\u00f6nnes\/Jakoby 2011, Dasch et al. 2015), ist der Sterbeprozess und sind die darin agierenden Akteure an einen institutionell bedingten Rahmen gebunden (Streckeisen 2005). Dabei wird kaum thematisiert, um welche vertrauten Bedingungen und wichtige Bezugspersonen es sich hierbei handelt. So zeigt sich, dass Haustiere Bedeutung f\u00fcr die Alltagswelt der Individuen haben, da sie als Teil der Familie, Verwandtschaft bzw. des sozialen Netzwerkes betrachtet werden (Charles\/Davies 2008, Trost 1990, Walsh 2009b, Wolf 2004).<\/p>\n\n\n\n<p>Tiere sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und im Verlauf der menschlichen Biografie in Kinderb\u00fcchern, Filmen, als Stofftiere, Haus- oder Nutztiere omnipr\u00e4sent (Beck\/Katcher 2003, Janshen 1996, Meyer 2000, Walsh 2009). Seit den 1980er Jahren stieg die Anzahl der Studien zu den Effekten von Tieren auf das Allgemeinbefinden, die Zufriedenheit und Aktivit\u00e4tsbereitschaft von Menschen und rechtfertigen den Einsatz von tiergest\u00fctzter P\u00e4dagogik und Therapie, vor allem bei Kindern und Jugendlichen (Ormerod 2005, Walsh 2009, Vollenwyder 2013). In der Betreuung und Aktivierung von demenziell erkrankten Personen werden die nonverbalen Zugangsm\u00f6glichkeiten und sinnliche Ansprache durch Tiere bei Menschen mit zerebral bedingten isolierten Kommunikationsm\u00f6glichkeiten genutzt (Hegedusch\/Hegedusch 2007).<\/p>\n\n\n\n<p>In verschiedensten Begleitungssituationen zeigt sich, dass es bei den Patienten im Umgang mit den Tieren um die Verbesserung des seelischen Wohlbefindens und die F\u00f6rderung der Kommunikation in einer das Leben bedrohenden Situation geht. Das Tier kann Trost spenden, als vermittelndes Medium die Kommunikation zwischen allen Beteiligten erleichtern und letztlich auch Hilfe bei der Trauerarbeit leisten. Tiere k\u00f6nnen somit auch \u201eBr\u00fcckenbauer\u201c bei schwierigen Kommunikationssituationen sein. Tiere haben einen schnelleren Zugang zu den Menschen und haben eine beruhigende Wirkung. Sie kommunizieren auf einer Ebene ohne Worte intuitiv mit ihrer K\u00f6rpersprache und Lautgebung. Der Kontakt kann dem Patienten k\u00f6rperlich guttun und seelisch ber\u00fchren \u2013 ohne Worte. Erinnerungen werden wach, Entspannung tritt ein und Gespr\u00e4che werden m\u00f6glich. Gerade in der Palliativpflege ist die verbale Kommunikation mit der Patientin\/dem Patienten oftmals nicht ganz einfach; der Hund kann dabei eine wichtige Vermittlerrolle in der Kommunikation \u00fcbernehmen. Er ist in der Lage, die menschlichen Signale innerhalb kurzer Zeit zu verstehen und so mit der Patientin\/dem Patienten in Kontakt zu treten. Dadurch f\u00fchlt sich der Mensch verstanden und best\u00e4tigt (Otterstedt 2001, S.138). Die nonverbale Kommunikation funktioniert zwischen Hund und Mensch sehr gut, da der Hund auf Gestik, Mimik und die K\u00f6rperhaltung reagiert. Der Hund versteht zwar nicht die Gef\u00fchle des Menschen, aber er kann durch die K\u00f6rpersprache gezielt auf die Person reagieren. Je klarer diese K\u00f6rpersprache ist, desto besser kann der Kontakt zwischen Mensch und Tier funktionieren. In der Palliativpflege ist die Kommunikation mit Patient\/inn\/en oft nicht einfach, hier bewirkt ein Hund manchmal mehr als ein\/e Besucher\/in.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Ber\u00fchrung und durch das Kontaktliegen wird das k\u00f6rperliche Empfinden der Patienten stimuliert und gef\u00f6rdert. \u201eWir erleben ber\u00fchrende und sch\u00f6ne Momente. Mit ihrer unglaublichen Sensibilit\u00e4t k\u00f6nnen Tiere\/Hunde f\u00fcr schwerkranke Menschen eine wichtige St\u00fctze sein\u201c, berichtet A. Gorniak. Insbesondere das Kontaktliegen ist eine meist als angenehm empfundene Form der basalen Stimulation, bei der der Patient das Fell, die W\u00e4rme des Tieres, die Atembewegung und dessen Herzschlag neben sich im Bett wahrnehmen kann. Voraussetzung f\u00fcr den Einsatz der Therapiehunde ist der explizite Wunsch der Patienten oder der Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hygienestandard muss eingehalten werden. Die Tiere m\u00fcssen strengen Kriterien entsprechen, ihr Wesen muss friedlich, freundlich, zutraulich und menschenbezogen sein, um sie in der Therapie einsetzten zu k\u00f6nnen. Die Hygienema\u00dfnahmen und Wesenseigenschaft des Tieres sind ausschlagegebend f\u00fcr die Ausbildung zum Therapietier. Zu den Hygienema\u00dfnahmen geh\u00f6rt der Gesundheitsnachweis, der nicht \u00e4lter als sechs Monate sein darf. Die Therapietiere m\u00fcssen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden kontrolliert werden, dabei muss ein aktueller Gesundheitsnachweis abgegeben werden. Die Anforderungen an das Wesen des Tieres sind Menschenfreundlichkeit, absoluter Gehorsam sowie Sicherheit bei Ger\u00e4uschen. Haustiere sind in einem Krankenhaus nicht erlaubt. Allerdings gibt es auf vielen Palliativstationen Ausnahmeregelungen: Hier d\u00fcrfen Haustiere zu den Patienten. Die Therapie- oder Begleithunde sind dar\u00fcber hinaus durch ihren Einsatz am und sogar im Bett der Patienten besonders gepflegt. Diese Hunde unterliegen noch weiteren besonderen hygienischen Anforderungen. Sie werden regelm\u00e4\u00dfig entwurmt, geimpft, auf Krankheiten untersucht und sind nat\u00fcrlich unter tier\u00e4rztlicher Kontrolle, was ihren Einsatz sogar auf allen Stationen \u2013 au\u00dfer OP und Intensivstation \u2013 im Krankenhaus m\u00f6glich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTherapie- oder Begleittiere\u201c sind jene Tiere die dem erkrankten Menschen helfen, positive Gedanken zu sammeln und k\u00f6rperliche oder psychische H\u00fcrden zu \u00fcberwinden. Im Allgemeinen eignen sich vor allem Hunde und Katzen, aber auch Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Nutztiere wie Pferde, Schafe, Lamas und Ziegen. Im Palliativbereich werden vor allem Hunde eingesetzt. So freuen wir uns sehr und bedanken uns, dass unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin A. Gorniak ihren Oskar mit zu den Begleiteten nimmt und sie bzw. Oskar immer wieder ein zufriedenes L\u00e4cheln in ihre Gesichter zaubern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hund ist heute oft ein sehr gern gesehener Gast. Denn in tiefster Verzweiflung l\u00e4sst er sich einfach in den Arm nehmen und fordert keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die vorhandene Stimmung der Patientin\/des Patienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Steffie Olliges\u00a0 S\u00f6geler Hospiz e.V.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-0 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><\/ul><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"S\u00f6gel &#8211; \u201eIch lege die Hand des Sterbenden auf Oskars Fell, und dann passiert jedes Mal dasselbe: Die Menschen seufzen auf und fangen an, gleichm\u00e4\u00dfig zu atmen.\u201c So erlebt die ehrenamtliche Hospizhelferin A. Gorniak die Situation einer Begleitung, wenn ihr Hund Oskar (van Bekethal), ein Bolonka-Zwetna, sie auf ihre Eins\u00e4tze &#8211; immer in Absprache mit [&hellip;]\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-29979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles-aus-der-region"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29979"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29980,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29979\/revisions\/29980"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}