{"id":29477,"date":"2020-09-01T17:49:00","date_gmt":"2020-09-01T15:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=29477"},"modified":"2020-09-20T17:53:50","modified_gmt":"2020-09-20T15:53:50","slug":"achtsamkeit-und-zeit-der-taxifahrer-und-die-alte-dame","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2020\/09\/achtsamkeit-und-zeit-der-taxifahrer-und-die-alte-dame\/","title":{"rendered":"Achtsamkeit und Zeit: Der Taxifahrer und die alte Dame"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Achtsamkeit und Zeit \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Erfahrung \u00fcber Zeit, Geduld und den Zauber der kleinen Momente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen Sie sich Zeit f\u00fcr die Geschichte eines Taxifahrers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wurde zu einer Adresse bestellt und wie gew\u00f6hnlich hupte ich, als ich ankam. Doch kein Fahrgast erschien. Ich hupte erneut. Nichts. Noch einmal. Nichts. Meine Schicht war fast zu Ende, es sollte meine letzte Fahrt sein. Es w\u00e4re leicht gewesen, einfach wieder wegzufahren. Ich entschied mich aber dagegen, parkte den Wagen und ging zur Haust\u00fcr. Kaum hatte ich geklopft, h\u00f6rte ich eine alte, gebrechliche Stimme sagen: \u201eBitte, einen Augenblick noch!&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die T\u00fcr h\u00f6rte ich, dass offensichtlich etwas \u00fcber den Hausboden geschleift wurde. Es verging eine Weile, bis sich endlich die T\u00fcr \u00f6ffnete. Vor mir stand eine kleine Dame, bestimmt 90 Jahre alt. Sie trug ein mit Bl\u00fcmchen bedrucktes Kleid und einen dieser Pillbox-H\u00fcte mit Schleier, die man fr\u00fcher getragen hat. Ihre gesamte Erscheinung sah so aus, als w\u00e4re sie aus einem Film der 1940er Jahre. Da die T\u00fcr offen war, konnte ich nun auch in die Wohnung schauen. Die Wohnung sah aus, als h\u00e4tte hier \u00fcber Jahre niemand mehr gelebt. Alle M\u00f6bel waren mit T\u00fcchern abgedeckt. Die W\u00e4nde waren leer, die Wohnung war fast komplett leer &#8211; keinen Nippes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBitte, junger Mann, tragen Sie mir meinen Koffer zum Wagen?&#8220;, bat sie und deutete auf einen kleinen Nylon-Koffer neben der T\u00fcr. Ich nahm den Koffer und packte ihn in den Kofferraum. Dann ging ich zur\u00fcck zur alten Dame, um ihr beim Gang zum Auto ein wenig zu helfen. Sie nahm meinen Arm und wir gingen gemeinsam zum Auto. Sie bedankte sich f\u00fcr meine Hilfsbereitschaft. Es sei nicht der Rede wert, antwortete ich ihr. Ich behandele meine Fahrg\u00e4ste schlicht genauso, wie ich auch meine Mutter behandeln w\u00fcrde! \u201eOh, Sie sind wirklich ein vorbildlicher junger Mann&#8220;, erwiderte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Dame in meinem Taxi Platz genommen hatte, gab sie mir die Adresse, gefolgt von der Frage, ob wir durch die Innenstadt fahren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNun, das ist aber nicht der k\u00fcrzeste Weg, eigentlich sogar ein erheblicher Umweg&#8220;, gab ich zu bedenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOh, ich habe nichts dagegen&#8220;, sagte sie. \u201eIch bin nicht in Eile. Ich bin auf dem Weg in ein Hospiz.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEin Hospiz?&#8220;, schoss es mir durch den Kopf. Dort werden doch sterbenskranke Menschen versorgt und beim Sterben begleitet. Ich schaute in den R\u00fcckspiegel und betrachtete die alte Dame noch einmal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch hinterlasse keine Familie&#8220;, fuhr sie mit sanfter Stimme fort. \u201eDer Arzt sagt, ich habe nicht mehr sehr lange zu leben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schaltete das Taxameter aus. \u201eWelchen Weg soll ich nehmen?&#8220;, fragte ich. F\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden fuhren wir einfach durch die Stadt. Sie zeigte mir das Hotel, in dem sie einst an der Rezeption gearbeitet hatte. Wir fuhren zu den unterschiedlichsten Orten. Sie zeigte das Haus, in dem sie und ihr verstorbener Mann gelebt hatten, als sie noch \u201eein junges, wildes Paar&#8220; waren. Sie zeigte mir ein neues M\u00f6belhaus, das fr\u00fcher \u201eein angesagter Schuppen&#8220; zum Tanzen war. Als junges M\u00e4dchen habe sie dort oft das Tanzbein geschwungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An manchen Geb\u00e4uden und Stra\u00dfen bat sie mich besonders langsam zu fahren. Sie sagte dann nichts. Sie schaute dann einfach nur aus dem Fenster und schien mit ihren Gedanken noch einmal auf eine Reise zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin m\u00fcde&#8220;, sagte die alte Dame pl\u00f6tzlich. \u201eJetzt k\u00f6nnen wir zu meinem Ziel fahren.&#8220; Schweigend fuhren wir zu der Adresse, die sie mir vor ein paar Stunden gegeben hatte. Das Hospiz hatte ich mir viel gr\u00f6\u00dfer vorgestellt. Mit seiner Mini-Einfahrt wirkte es eher wie ein kleines freundliches Ferienhaus. Es st\u00fcrmten jedoch sofort zwei Sanit\u00e4ter aus dem Haus, die &#8211; kaum hatte ich den Wagen angehalten &#8211; die Fahrgastt\u00fcre \u00f6ffneten. Sie schienen besorgt. Sie mussten schon sehr lange auf die Dame gewartet haben. Und w\u00e4hrend die alte Dame im Rollstuhl Platz nahm, trug ich ihren Koffer zum Eingang des Hospizes. &#8222;Wie viel bekommen Sie von mir f\u00fcr die Fahrt?&#8220;, fragte sie, w\u00e4hrend sie in ihrer Handtasche kramte. \u201eNichts&#8220;, sagte ich. \u201eAber Sie m\u00fcssen doch Ihren Lebensunterhalt verdienen\u201c, antwortete sie. \u201eEs gibt noch andere Passagiere&#8220;, erwiderte ich mit einem L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ohne lange dr\u00fcber nachzudenken, umarmte ich sie. Sie hielt mich an sich. \u201eSie haben einer alten Frau auf ihren letzten Metern noch ein klein wenig Freude und Gl\u00fcck geschenkt. Danke!&#8220;, sagte sie mit glasigen Augen zu mir. Ich dr\u00fcckte ihre Hand und ging bewegt. Hinter mir schloss sich die T\u00fcr des Hospizes. Es klang f\u00fcr mich wie der Abschluss eines Lebens. Ich fuhr einfach ziellos durch die Stra\u00dfen &#8211; v\u00f6llig versunken in meinen Gedanken. Ich nahm keine neuen Fahrg\u00e4ste an. Ich wollte weder reden noch jemanden sehen. Was w\u00e4re gewesen, wenn die Frau an einen unfreundlichen und mies gelaunten Fahrer geraten w\u00e4re, der nur schnell seine Schicht h\u00e4tte beenden wollen? Was w\u00e4re, wenn ich die Fahrt nicht angenommen h\u00e4tte? Was, wenn ich nach dem ersten Hupen einfach weggefahren w\u00e4re? Wenn ich an diese Fahrt zur\u00fcckdenke, wei\u00df ich, dass ich noch niemals etwas Wichtigeres im Leben getan habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Qualit\u00e4t unseres Lebens bestimmt sich aus seinen gelebten Momenten. Dazu braucht es, sich Zeit und Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu nehmen. In unserem hektischen Leben haben wir nie Zeit und legen Wert auf die gro\u00dfen, bombastischen Ereignisse. Dabei sind es so oft die kleinen Momente, die kleinen Gesten, die die Kraft haben, uns tief im Inneren zu ber\u00fchren &#8211; wenn wir es nur zulassen. Deshalb sollten wir uns immer wieder in Entschleunigung und Geduld \u00fcben &#8211; und nicht sofort hupen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Klaus Sch\u00e4ffner:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Diese Geschichte haben wir von einer Nachbarin bekommen, mit der wir gemeinsam eine Familie mit 5 Kindern betreuen \u2013 vorlesen, spielen, malen, und lernen.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Achtsamkeit und Zeit \u2013 Eine Erfahrung \u00fcber Zeit, Geduld und den Zauber der kleinen Momente. Nehmen Sie sich Zeit f\u00fcr die Geschichte eines Taxifahrers. Ich wurde zu einer Adresse bestellt und wie gew\u00f6hnlich hupte ich, als ich ankam. Doch kein Fahrgast erschien. Ich hupte erneut. Nichts. Noch einmal. Nichts. 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