{"id":25919,"date":"2019-01-04T12:33:05","date_gmt":"2019-01-04T11:33:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=25919"},"modified":"2019-01-04T12:33:05","modified_gmt":"2019-01-04T11:33:05","slug":"heimat-ein-begriff-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2019\/01\/heimat-ein-begriff-im-wandel\/","title":{"rendered":"Heimat \u2013 ein Begriff im Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Heimat, was ist das eigentlich f\u00fcr mich und wo ist meine Heimat? Ist es Ostpreu\u00dfen, wo ich vor \u00fcber 70 Jahren geboren bin? Ist es der H\u00fcmmling, ist es S\u00f6gel, ist es Harrenst\u00e4tte, wohin uns die Flucht aus Ostpreu\u00dfen nach zweieinhalb Jahren rastlosen Herumirrens verschlagen hat? Hier in Harrenst\u00e4tte setzt meine fr\u00fchkindliche\u00a0 Erinnerung ein. Ist\u00a0 Heimat\u00a0 die erste feste Wohnung nach der Flucht in einer einfachen Zwei-Zimmer Notunterkunft, wo wir zu Viert, meine Mutter, meine zwei \u00e4lteren Schwestern und ich fast Vierj\u00e4hriger zum ersten Mal wieder ohne Angst vor \u00dcbergriffen uns abends in die zwei mit Strohs\u00e4cken prall gef\u00fcllten Betten legen konnten. Welcher Luxus, vor allem f\u00fcr meine Mutter und meine beiden \u00e4lteren Schwestern nach den f\u00fcrchterlichen Erlebnissen auf dem Fl\u00fcchtlingstreck, der schon bald von der Roten Armee \u00fcberrollt worden war. Heimat, unsere\u00a0 neue Heimat. Ist es die Wohnung \u00fcber der Volksschule in Harrenst\u00e4tte, in die wir, nachdem unser Vater nach f\u00fcnfj\u00e4hriger russischer Gefangenschaft zu seiner Familie \u00a0heimkehrte, an Leib und Seele tief maltr\u00e4tiert, ziehen konnten?<\/p>\n<p>Ja, hier, \u00fcber tausend Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, erlebte ich bewusst zum ersten Mal Heimat zusammen mit meinen Eltern und Schwestern. Hier gingen wir Kinder zur Schule, hier hatte ich gleichaltrige Freunde, deren Sprache, Plattdeutsch, ich schnell lernte. Hier verdiente unser Vater mit Gelegenheitsarbeiten wieder das erste Geld f\u00fcr unseren Lebensunterhalt. Hier hatten wir auch als Fl\u00fcchtlinge einen sozialen Status innerhalb der kleinen d\u00f6rflichen Gemeinschaft. Hier gingen wir in die katholische Kirche, allerdings ohne unseren evangelischen Vater, hier legte ich\u00a0 meine erste Beichte ab, ging anschlie\u00dfend zur Ersten Heiligen Kommunion,\u00a0 meine Eltern richteten\u00a0 mir eine bis heute unvergessliche Erstkommunionsfeier aus.<\/p>\n<p>Meine Eltern trauerten um den Verlust ihrer Heimat, immerhin war Ostpreu\u00dfen, waren K\u00f6nigsberg und Bartenstein \u00fcber vierzig Jahre ihr Zuhause und ihre Heimat gewesen. Ich aber, inzwischen\u00a0 siebenj\u00e4hriger Erstkl\u00e4ssler, kannte ja nur diese Welt und f\u00fchlte mich hier zu Hause. Diese Heimat meiner fr\u00fchen Kindheit ist ganz tief in mir verwurzelt, ist ein Teil von mir und wird es immer bleiben.<\/p>\n<p>Heimat ist f\u00fcr die meisten Menschen der Erfahrungsraum der Vertrautheit, die im Kindesalter durch zahlreiche kleine Erlebnisse und Erfahrungen entsteht, die Geborgenheit und Orientierung\u00a0 vermittelt. Heimat ist besonders im Kindesalter\u00a0 als emotionale Ortsgebundenheit zu verstehen. \u201ePsychologisch wird Heimat gesehen als Erinnerung an das kindliche Gef\u00fchl, eins mit der Welt zu sein.\u201c \u2013 sei sie, wie in meinem Fall, auch noch so klein, bescheiden und \u00e4rmlich.<\/p>\n<p>Aber nicht jeder Mensch hat solch eine heile Welt, solch ein \u201eKinderparadies\u201c erfahren. Oft \u00fcberwiegen schlechte Erfahrungen, die das kindliche Zuhause nicht als Heimat erleben lassen. Mancher hat erst als Erwachsener eine Region zu seiner Heimat gemacht, mancher hat nie in seinem Leben bewusst eine Region als Heimat erlebt. \u201eHeimat\u201c ist kein leicht zu definierender Begriff, Heimat ist mehrdimensional. Es gibt nicht eine Heimat, sondern viele \u201eHeimaten\u201c. Heimat ist nicht statisch, sondern ver\u00e4ndert sich vielfach im Lauf des Lebens. Jeder Mensch nimmt sie verschieden wahr, wie Professor Dr. Thomas Steensen in seinem Aufsatz \u201eHeimat\u201c schreibt.<\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische Heimatforscher gehen davon aus, dass der Mensch sich ein neues Lebensumfeld schaffen kann: &#8222;Unter heutigen Bedingungen kann Heimat auch nicht mehr statisch an den Ort der Geburt gebunden sein. Heimat kann auch neu gewonnen (&#8230;) werden&#8220; (Piepmeier 1990: 106).<\/p>\n<p>Ein Blick zur\u00fcck in die deutsche Geschichte zeigt, wie wandelbar der Begriff Heimat sein kann.<\/p>\n<p>Zur Zeit der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurde der Begriff\u00a0 missbraucht, da \u201eHeimat gleichgesetzt wurde mit der Nation und so\u00a0 der Abgrenzung gegen alles Fremde und Unbekannte diente.\u00a0 Die Heimat m\u00fcsse unverf\u00e4lscht bewahrt, von fremden Einfl\u00fcssen verschont bleiben. Dass der Missbrauch dieses ideologisch verf\u00e4lschten Heimatbegriffs\u00a0 im und nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen den Verlust ihrer Heimat brachte, ist besonders beklagenswert und makaber zugleich. Danach war der Begriff \u201eHeimat\u201c lange verp\u00f6nt. Besonders die jungen Heranwachsenden in der jungen\u00a0 Bundesrepublik Deutschland standen dem Begriff \u201eHeimat\u201c skeptisch gegen\u00fcber, obwohl sie durchaus Heimat in ihrer unverf\u00e4lschten Bedeutung erleben durften.<\/p>\n<p>In den 1980 ziger Jahren verband die junge\u00a0 Generation den Begriff Heimat wieder mit positiven Gedanken und Inhalten. Begriffe wie Familie, Freunde, Geborgenheit, sich zu Hause f\u00fchlen, sich auskennen, Vereinzugeh\u00f6rigkeit, Hotel Mama \u2026wurden bei einer Befragung ganz h\u00e4ufig genannt.<\/p>\n<p>Dieses sich neu entwickelnde Heimatgef\u00fchl ist sicherlich auch eine Folge der Globalisierung, die mit dem Gef\u00fchl von Verlust einhergeht. Ver\u00e4ndern sich die Lebensumst\u00e4nde zu schnell, verlieren viele Menschen ihren Halt, werden entwurzelt, sie haben Angst vor Ver\u00e4nderungen und Verlust ihrer gewohnten und vertrauten Umgebung, die sie bisher als Heimat wahrgenommen haben.<\/p>\n<p>So ist es nicht verwunderlich, dass Heimat zum Gegenpol der Globalisierung wird. Besonders die Menschern der wohlhabenden Industriestaaten haben das Gef\u00fchl, dass die Globalisierung der Welt f\u00fcr sie nicht von Vorteil ist, sie haben Angst, dass ihr Wohlstand neu verteilt werden k\u00f6nnte. Sie sehnen sich zur\u00fcck in eine Zeit, als es f\u00fcr fast alle nur aufw\u00e4rts ging. Und diese Zeit ist f\u00fcr sie Heimat, ein Ph\u00e4nomen, dass Heimat auch Zeit sein kann. Sie sehnen sich zur\u00fcck in die unbeschwerten Jahre ihrer Kindheit, in denen Geborgenheit und Sicherheit ihre st\u00e4ndigen Begleiter waren.<\/p>\n<p>Heimat ist aber kein statischer Zustand, Heimat ist der Wandlung unterworfen, auch wenn manche das nicht wahr haben wollen. Normen und Werte unserer Kindheit gelten so nicht mehr. Was vor kurzem noch umstritten war, ist heute selbstverst\u00e4ndlich. M\u00e4nner und Frauen sind vor dem Gesetz gleichgestellt, gleichgeschlechtliche Beziehungen werden akzeptiert, die Kirche hat an Macht und Einfluss verloren. Die Gesellschaft hat sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fundamental ver\u00e4ndert, und das auch schon in der Zeit, bevor die aktuelle Fl\u00fcchtlingswelle unser Land traf. Geht aber dieser Prozess der Ver\u00e4nderung zu schnell vonstatten, verlieren viele Menschen den Halt, der bislang ihr Leben bestimmte, sie werden entwurzelt. Sie sehnen sich nach einem Leben in ihrer \u201ealten Heimat\u201c, werden aber entt\u00e4uscht, weil sie diese nicht mehr vorfinden, sie ist ihnen fremd geworden. Heimat ist also einem st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungsprozess unterworfen trotz aller Beschw\u00f6rung der Tradition.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung sind in diesem Gef\u00fchl der Zerrissenheit gefangen, sie leiden unter der Aufl\u00f6sung fr\u00fcherer sozialer, kultureller und geschlechtlicher Grenzen, obwohl f\u00fcr den einzelnen durchaus annehmliche Freiheiten gewonnen wurden. Die Vielschichtigkeit und Komplexit\u00e4t der heutigen Gesellschaft werden von vielen als Zerst\u00f6rung einer imagin\u00e4ren Einheit empfunden, einer angeblich vorhandenen Einheit, die als Heimat empfunden wird.<\/p>\n<p>So kann auch der momentane Erfolg der Rechtspopulisten erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>\u201eWir werden uns unser Land und unser Volk zur\u00fcckholen.&#8220;\u00a0 Sie zeichnen ein Bild von Heimat, das es nie gegeben hat. Sie werden mit ihren Parolen und vorgeschlagenen Ma\u00dfnahmen die von ihnen gesteckten Ziele nicht erreichen, denn die \u00a0Mauern, Z\u00e4une und Ausschl\u00fcsse halten die Entwicklung genau so wenig auf wie das Zerschlagen der Webst\u00fchle zur Zeit der beginnenden Industrialisierung. Walter Leimgruber, Kulturwissenschaftler an der Universit\u00e4t Basel, beschreibt Heimat nicht als vergangene Idylle, sondern\u00a0 als Utopie, die Utopie einer Zukunft f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>So vielf\u00e4ltig auch die Antworten auf die Frage nach der Definition von Heimat sein m\u00f6gen, ich kann mich mit der Aussage von Walter Leimgruber identifizieren:<strong> \u201e<\/strong>Wenn Heimat nur als Ort der Geburt oder als Vergangenes empfunden wird, kann sie diskriminierendes Potential freisetzen und zu Ausschlie\u00dfung f\u00fchren. Genau wie die Heimat muss auch unsere Definition von ihr sich wandeln.\u201c<\/p>\n<p>Wem das zu weit geht, dem biete ich zwei alternative Definitionen von Heimat an:<\/p>\n<p>In England hei\u00dft es: \u201eHome is where the heart is\u201d \u2013 oder wie der deutsche S\u00e4nger Herbert Gr\u00f6nemeyer es ausdr\u00fcckt: \u201eHeimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gef\u00fchl!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Liebe zur Heimat ist die Erinnerung an etwas, das es so nicht mehr gibt.\u201c (Stefan Rogal)<\/p>\n<p>Text: Heribert Tolkmitt, S\u00f6gel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heimat, was ist das eigentlich f\u00fcr mich und wo ist meine Heimat? Ist es Ostpreu\u00dfen, wo ich vor \u00fcber 70 Jahren geboren bin? Ist es der H\u00fcmmling, ist es S\u00f6gel, ist es Harrenst\u00e4tte, wohin uns die Flucht aus Ostpreu\u00dfen nach zweieinhalb Jahren rastlosen Herumirrens verschlagen hat? 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