{"id":20434,"date":"2016-12-25T19:34:16","date_gmt":"2016-12-25T18:34:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=20434"},"modified":"2016-12-25T19:34:40","modified_gmt":"2016-12-25T18:34:40","slug":"%e2%80%9esie-waren-unsere-nachbarn%e2%80%a6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2016\/12\/%e2%80%9esie-waren-unsere-nachbarn%e2%80%a6\/","title":{"rendered":"\u201eSie waren unsere Nachbarn\u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong><em>\u2026bis zu ihrer Deportation am 13. Dezember 1941\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Vor 75 Jahren wurden die S\u00f6geler Juden verschleppt und es endete ein jahrzehntelanges friedliches Miteinander von christlichen und j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen des 13. Dezember 1941, es war kalt und dunkel, ging der Junge Josef Meyer \u00fcber den Marktplatz zur St. Jakobus Kirche, um bei der Messe zu dienen. Als er die Glocken l\u00e4utete, sah er aus dem Turmfenster, dass sich auf dem Marktplatz M\u00e4nner, Frauen und Kinder mit Koffern, Taschen und Beuteln in den H\u00e4nden versammelten. Die Gesichter habe er wegen der Dunkelheit nicht sehen k\u00f6nnen. Aufgefallen seien ihm nur die gelben Judensterne auf den dunklen M\u00e4nteln. Nach der Messe verlie\u00dfen die Kirchg\u00e4nger das Gotteshaus mit dem Friedensgru\u00df \u201eGehet hin in Frieden\u201c. Auch Josef Meyer ging \u00fcber den Marktplatz zur\u00fcck nach Hause, und der Platz war menschenleer. M\u00e4nner, Frauen und Kinder waren w\u00e4hrend der Messe gewaltsam auf Lastwagen getrieben worden.<br \/>\nZiel der langen und beschwerlichen Reise f\u00fcr die S\u00f6geler Juden war das Ghetto in Riga, erinnert sich Louis Gr\u00fcnberg an diesen schrecklichen Tag. \u201eWir durften nur das Notwendigste, was wir tragen konnten, mitnehmen. Vieles, was uns lieb und teuer war, haben wir zu unseren Nachbarn geschafft.\u201c<br \/>\nEine S\u00f6gelerin erinnert sich an ihre Zeit als junge Verk\u00e4uferin in einer B\u00e4ckerei. Sie hatte h\u00e4ufig Kontakt zu vielen j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern. Voll Scham denkt sie zur\u00fcck an eine Begegnung mit einer jungen Mutter, die ihr eines Morgens im Laden leise und ver\u00e4ngstigt zufl\u00fcsterte, dass sie f\u00fcr ihren dreij\u00e4hrigen Sohn einen kleinen Rucksack mit Tr\u00e4gern aus Str\u00fcmpfen n\u00e4hte, damit es ihm unterwegs nicht so weh t\u00e4te. Eines kalten Morgens, es war der 13. Dezember, habe die dreik\u00f6pfige Familie dann mit ein paar Handtaschen ihr Haus verlassen. Sie kamen nie wieder zur\u00fcck in ihren Heimatort.<\/p>\n<p><em>Welche Gedanken m\u00f6gen den vertriebenen S\u00f6geler Juden durch den Kopf gegangen sein beim letzten Blick auf ihren Heimatort?<\/em><\/p>\n<p>Kein Nachbar kam, um von ihnen Abschied zu nehmen. Nur SA-M\u00e4nner standen da, mit Gewehrkolben in den H\u00e4nden \u2013 als letzten Gru\u00df aus ihrem Heimatort, in dem sie jahrzehntelang friedlich lebten.<br \/>\nMit der Deportation endete abrupt dieses friedliche Zusammenleben \u00a0zwischen christlichen und j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern.<br \/>\n\u201eSie haben mit uns das d\u00f6rfliche Leben geteilt. Fast alle M\u00e4nner waren strebsame und erfolgreiche Viehh\u00e4ndler, die mit den H\u00fcmmlingern und Emsl\u00e4ndern Gesch\u00e4fte machten\u201c, erinnert sich Grete Ahrens. Auch sei es nichts Besonderes gewesen, als der Jude Gottfried Gr\u00fcnberg Sch\u00fctzenk\u00f6nig wurde.<br \/>\n\u201eDieses nachbarschaftliche Miteinander \u00e4nderte sich sp\u00fcrbar mit den Auftritten der Nazis, die ihren unbeschreiblichen Hass an den S\u00f6geler Juden auslie\u00dfen.\u201c<br \/>\nAuch Louis Gr\u00fcnberg, 1922 in der H\u00fcmmlinggemeinde S\u00f6gel geboren, f\u00fchlte sich, wie auch die anderen j\u00fcdischen Familien, \u201ein eine gute Nachbarschaft eingebunden\u201c. Er erinnert sich an die Hilfe der Nachbarn, auch in einer Zeit, als es verboten war. \u201eUnsere Nachbarn haben uns st\u00e4ndig mit Essen und Trinken versorgt, was f\u00fcr sie nicht ungef\u00e4hrlich war\u201c, so Louis Gr\u00fcnberg, der als einziger mit Artur de Haas 1945 in seinen Heimatort zur\u00fcckkehrte.<br \/>\nAuch ein anderer in S\u00f6gel aufgewachsener Jude kam 1945 als amerikanischer Soldat in seinen Heimatort zur\u00fcck. \u201eEr wollte noch einmal sein Elternhaus wiedersehen. Er ist still durch die R\u00e4ume gegangen, hat sich verabschiedet und wurde nicht wieder gesehen\u201c, erinnert sich ein Nachbar noch nach vielen Jahren an diese ersch\u00fctternde Begegnung.<\/p>\n<p><em>Und was machten die zur\u00fcckgebliebenen S\u00f6geler, als die j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger aus ihren H\u00e4usern, ihrer Nachbarschaft und ihrem Dorf vertrieben wurden?<\/em><\/p>\n<p>Die meisten schauten weg und schwiegen aus Angst oder Scham. \u201eAuch in den Jahren danach (w\u00e4hrend der Nazizeit) war das Thema Juden, ihre Deportation und ihr Schicksal tabu. Wohl aus Angst vor Repressionen der Nazis.\u201c, so Josef Meyer in seiner Erinnerung.<br \/>\nDieses Schweigen \u00fcber die NS-Zeit mit all den uns\u00e4glichen Verbrechen setzte sich in Deutschland auch in der Nachkriegszeit fort. Es wird ungern \u00fcber diese Zeit gesprochen \u2013 wohl auch in S\u00f6gel \u2013 weder \u00fcber die T\u00e4ter und ihre Untaten, noch \u00fcber die mutigen Menschen, die auch unter Gefahr Zivilcourage bewiesen. Dieses Verhalten bzw. diese Einstellung vieler Deutscher in den Nachkriegsjahren (\u201eLasst doch Gras \u00fcber diese Geschichte wachsen! Wir haben jetzt nach dem Krieg doch ganz andere Probleme und Sorgen!\u201c) ist ein eigenes Kapitel und besch\u00e4ftigt noch heute \u2013 zu Recht \u2013 die Kinder- und Enkelkindergeneration.<\/p>\n<p><em>Was erinnert heute in S\u00f6gel \u2013 75 Jahre nach der Deportation \u2013 noch an unsere ermordeten j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger?<\/em><\/p>\n<p><strong>(Hier bitte das Bild platzieren)<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem j\u00fcdischen Friedhof am \u201eLoruper Weg\u201c wurden am 01. November 1998 zwei gro\u00dfe Gedenktafeln eingeweiht.\u00a0 Auf diesen sind die Namen aller ermordeten j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger eingemei\u00dfelt. Denn ein altes j\u00fcdisches Sprichwort lautet: \u201eWenn du die Namen eines Verstorbenen vergisst, l\u00e4sst du ihn noch einmal sterben.\u201c<\/p>\n<p>Text: Heiner Wellenbrock<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Sie-waren-unsere-Nachbarn\u2026.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-20435\" title=\"Sie waren unsere Nachbarn\u2026\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Sie-waren-unsere-Nachbarn\u2026-300x183.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Sie-waren-unsere-Nachbarn\u2026-300x183.jpg 300w, https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Sie-waren-unsere-Nachbarn\u2026.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u2026bis zu ihrer Deportation am 13. 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