{"id":18415,"date":"2016-03-14T20:30:32","date_gmt":"2016-03-14T19:30:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=18415"},"modified":"2016-03-14T20:37:08","modified_gmt":"2016-03-14T19:37:08","slug":"1946-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2016\/03\/1946-2016\/","title":{"rendered":"1946           2016"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Geschichte wiederholt sich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong><\/strong><strong>Fl\u00fcchtlinge \u2013 Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me &#8211;\u00a0 Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte &#8211; \u00a0\u00a0Fl\u00fcchtlingsschicksale<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0Das\u00a0 sind in diesem Winter die\u00a0 am h\u00e4ufigsten genannten Begriffe, und wo immer Menschen sich zusammen finden, wird die \u201eFl\u00fcchtlingskrise &#8220; \u00a0unweigerlich zum Gegenstand der Unterhaltung.<\/p>\n<p>Dabei reagieren sie ganz unterschiedlich.<\/p>\n<p>Die einen sind offen, mitf\u00fchlend und hilfsbereit, andere wiederum zeigen<\/p>\n<p>Skepsis, Misstrauen, bis hin zu Ablehnung.<\/p>\n<p>Aber wie auch immer, die \u201eV\u00f6lkerwanderung&#8220; heute hat\u00a0 Europa und seine \u00a0\u00a0Bewohner verunsichert.<\/p>\n<p>Vor genau 70 Jahren\u00a0 hatten wir in unserem zerbombten, verarmten\u00a0 Land fast \u00a0\u00a0die gleiche Krise durchzustehen, die gleichen Probleme zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Hatten sich bereits in den eisigkalten Wintermonaten 1945 endlose Menschenstr\u00f6me aus Ost &#8211; und Westpreu\u00dfen sowie aus Pommern vor der heran- nahenden russischen \u201eRoten Armee&#8220;\u00a0 unter furchtbaren Strapazen und Bedrohungen in den Westen Deutschlands aufgemacht, folgte\u00a0 1946 die zweite Fl\u00fcchtlingswelle, diesmal aus Schlesien.<\/p>\n<p>Der Diktator Stalin hatte Gebiete l\u00e4ngs der polnisch-wei\u00dfrussischen und polnisch-ukrainischen Grenze f\u00fcr die Sowjetunion reklamiert. Die dort lebenden Polen wurden, auch gegen ihren Willen, in den Westen\u00a0 nach Ober\/ Niederschlesien, in das Oder-Nei\u00dfe Gebiet und in das Riesengebirge umgesiedelt.<\/p>\n<p>Die dort lebenden Deutschen hatten binnen 48 Stunden ihre D\u00f6rfer und St\u00e4dte, ihre H\u00f6fe und \u00a0\u00a0H\u00e4user zu verlassen und in den Westen zu ziehen.<\/p>\n<p>Sie mussten alles zur\u00fccklassen, was sie nicht im Handgep\u00e4ck tragen konnten.<\/p>\n<p>So kamen im Laufe des Jahres 1946 einige Millionen Fl\u00fcchtlinge \u00a0&#8211; im eigentlichen Sinne\u00a0 Heimatvertriebene &#8211; auch bei uns im Emsland, im Osnabr\u00fccker Land\u00a0 und im n\u00f6rdlichen M\u00fcnsterland an.<\/p>\n<p>Ich war damals 6 Jahre alt und im 1. Schuljahr und erinnere mich noch genau, wie eines Morgens ein Lastwagen mit offener Ladefl\u00e4che\u00a0 auf dem Parkplatz vor dem elterlichen Gasthof hielt und viele Menschen, meist Frauen, Kinder und \u00e4ltere M\u00e4nner m\u00fchsam herunterstiegen. Sie waren das erste \u201eKontingent&#8220;, das der Gemeinde zugeteilt worden war.<\/p>\n<p>Nun standen sie \u00fcberm\u00fcdet und hilflos und gezeichnet von den Strapazen der Flucht auf dem Platz in dem fremden Dorf\u00a0 und warteten darauf, dass\u00a0 ein Vertreter der Gemeinde sich um sie k\u00fcmmerte.<\/p>\n<p>Mein Vater, der immer ein weiches Herz hatte, trat vor das Haus, ging auf<\/p>\n<p>die fremden Menschen zu und lud sie ein in unser Lokal, ins Warme zu kommen.<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd folgten sie der Einladung. Drinnen bekamen sie etwas zu trinken und konnten sich aufw\u00e4rmen, bis der B\u00fcrgermeister mit seinen Leuten erschien und ihren weiteren Verbleib regelte.<\/p>\n<p>Wo immer es m\u00f6glich war, mussten die Einwohner unseres Dorfes Fl\u00fcchtlinge aufnehmen. Das ging nat\u00fcrlich nicht ohne Komplikationen vonstatten, denn fast jeder hatte in den zur\u00fcckliegenden Jahren des 2. Weltkrieges gelitten. Viele Familien hatten ihre M\u00e4nner und S\u00f6hne verloren, die Menschen waren zerm\u00fcrbt von den Bombenn\u00e4chten, den mageren Lebensmittelzuteilungen, der st\u00e4ndigen Bedrohung durch die allgegenw\u00e4rtige Gestapo.<\/p>\n<p>Und nun, als endlich Ruhe\u00a0\u00a0 eingekehrt war, sollte man fremde Leute bei sich aufnehmen.<\/p>\n<p>Deutsche\u00a0 wie wir, gewiss,\u00a0 Menschen, die auf der Flucht schreckliche Dinge erlebt hatten, ja, sicher, aber doch so anders als wir. Unsere Alltagssprache war damals das Plattdeutsche.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Neuank\u00f6mmlinge war das eine unverst\u00e4ndliche Mundart, mit der sie nicht viel anzufangen wussten.<\/p>\n<p>Also musste man Hochdeutsch mit ihnen sprechen. Aber wie eigenartig<\/p>\n<p>war deren Hochdeutsch! Die Schlesier sprachen zum Beispiel das -\u00fc- wie ein langes -ie- .So wurde aus Osnabr\u00fcck Osnabriek, aus M\u00fcnster Mienster, aus Br\u00fche\u00a0 Briee.<\/p>\n<p>Sie sagten oft,sie k\u00e4men von \u201edrieben&#8220; und die Mutter war eine \u201eMuttel&#8220;. Wir Kinder kicherten, wenn wir diese ungewohnte Ausdrucksweise h\u00f6rten.<\/p>\n<p>Auch in der Schule machte sich die neue Situation bemerkbar.<\/p>\n<p>Im Jahre 1946 war das erste Schuljahr ein sehr starker Jahrgang, da 1945 wegen des Zusammenbruchs (so nannten die Erwachsenen das Ende der Hitler-\u00c4ra) nicht eingeschult worden war.<\/p>\n<p>Nun kamen\u00a0 fast t\u00e4glich neue Mitsch\u00fcler\/innen dazu. Man wartete nicht bis zu den Ferien oder wenigstens bis zum Beginn eines neuen Monats.<\/p>\n<p>Mit jeder Gruppe von Vertriebenen kamen auch Kinder in die Schule, die bald aus allen N\u00e4hten platzte.<\/p>\n<p>Nachmittagsunterricht musste eingerichtet werden.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingskinder-wie wir sie nannten- \u00a0\u00a0sahen aus wie wir und waren gekleidet wie wir, \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0konnten ebenso gut oder \u00a0schlecht lesen, rechnen, schreiben wie wir, aber sie waren \u201eanders\u2019&#8216;.<\/p>\n<p>Manche waren\u00a0 evangelisch. Noch nie hatten wir davon geh\u00f6rt, dass es auch andere Christen gab als\u00a0 katholische. Waren das etwa die \u201eHeidenkinder&#8220;, f\u00fcr welche wir beim Abendgebet beten mussten?<\/p>\n<p>Auf dem Schulhof, in den Pausen, waren die Neuen zun\u00e4chst isoliert. Man spielte nicht mit Fl\u00fcchtlingskindern.<\/p>\n<p>Aber nach und\u00a0 nach\u00a0 ver\u00e4nderte sich die Situation. Kinder finden\u00a0 leichter zueinander als Erwachsene.<\/p>\n<p>Beim V\u00f6lkerballspiel wurden sie auch in die jeweilige Mannschaft gew\u00e4hlt und nachmittags gingen wir zu ihren Unterk\u00fcnften, um zu sehen, wie sie wohnten.<\/p>\n<p>Die Erwachsenen waren skeptischer.<\/p>\n<p>Viele Schlesier waren in ihrer Heimat Bauern.<\/p>\n<p>Nun standen sie mit leeren H\u00e4nden ohne eigene Scholle da. Als der erste einheimische Landwirt, der einen ziemlich gro\u00dfen Hof besa\u00df, einen Fl\u00fcchtling als Helfer einstellte, liefen die Kollegen Sturm.<\/p>\n<p>Der neue Knecht erwies sich jedoch als eine Bereicherung f\u00fcr den Hof, denn er war ein exzellenter\u00a0 Landwirt. Da \u00e4nderte sich die Meinung der anderen Bauern.<\/p>\n<p>Aber nicht immer wendete sich alles zum Positiven.<\/p>\n<p>Das bekamen auch meine Eltern zu sp\u00fcren. Sie hatten sich seinerzeit als erste<\/p>\n<p>der Fl\u00fcchtlinge angenommen, als diese ohne Hoffnung auf Zukunft in unserm Dorf angekommen \u00a0waren. Die Vertriebenen hatten das nicht vergessen. Als sich alles etwas beruhigt hatte und die Menschen sich bei uns eingerichtet hatten,\u00a0 blieben sie meinem Elternhaus treu und verkehrten\u00a0 als G\u00e4ste in unserem Gasthof. Daf\u00fcr aber hielten sich andere, alteigesessene Kunden fortan fern. \u201eIm Posthorn kann man sein Bier nicht mehr trinken, dort verkehren ja nun die von \u201edrieben\u201c (dr\u00fcben) , hie\u00df es.<\/p>\n<p>7O Jahre sind seitdem ins Land gegangen und wir, die Nachkriegsgeneration und die Enkel jener Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, wir sehen uns heute einer \u00e4hnlichen Situation gegen\u00fcber: Entwurzelte, vor Gewalt und Kriegswirren aus ihren Heimatl\u00e4ndern gefl\u00fcchtete Menschen suchen bei uns Schutz.<\/p>\n<p>Wie wird sich ihr Schicksal bei uns entwickeln?<\/p>\n<p>Text: Rita Anneken<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich-Als-erste-mussten-sich-die-Ostpreussen-vor-der-Roten-Armme-fuerchten.-Unzaehlige-Fluechtlingstrecks-waren-die-Folge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-18420\" title=\"Geschichte wiederholt sich - Als erste mussten sich die Ostpreussen vor der Roten Armme fuerchten. Unzaehlige Fluechtlingstrecks waren die Folge\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich-Als-erste-mussten-sich-die-Ostpreussen-vor-der-Roten-Armme-fuerchten.-Unzaehlige-Fluechtlingstrecks-waren-die-Folge-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich-Fluechtlingstrecks-in-Koenigsbergs-Strassen-im-Januar-1945.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-18421\" title=\"Geschichte wiederholt sich - Fluechtlingstrecks in Koenigsbergs Strassen im Januar 1945\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich-Fluechtlingstrecks-in-Koenigsbergs-Strassen-im-Januar-1945-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-18422\" title=\"Geschichte wiederholt sich3\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich3-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-18423\" title=\"Geschichte wiederholt sich4\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Geschichte-wiederholt-sich4-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Geschichte wiederholt sich Fl\u00fcchtlinge \u2013 Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me &#8211;\u00a0 Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte &#8211; \u00a0\u00a0Fl\u00fcchtlingsschicksale \u00a0Das\u00a0 sind in diesem Winter die\u00a0 am h\u00e4ufigsten genannten Begriffe, und wo immer Menschen sich zusammen finden, wird die \u201eFl\u00fcchtlingskrise &#8220; \u00a0unweigerlich zum Gegenstand der Unterhaltung. 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