{"id":16324,"date":"2015-06-02T22:15:04","date_gmt":"2015-06-02T20:15:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/?p=16324"},"modified":"2015-06-02T22:15:04","modified_gmt":"2015-06-02T20:15:04","slug":"holocaust-uberlebende-erna-de-vries-erzahlt-schuler-innen-der-schule-am-schloss-ihre-uberlebensgeschichte-als-zeitzeugin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/2015\/06\/holocaust-uberlebende-erna-de-vries-erzahlt-schuler-innen-der-schule-am-schloss-ihre-uberlebensgeschichte-als-zeitzeugin\/","title":{"rendered":"Holocaust-\u00dcberlebende Erna de Vries erz\u00e4hlt Sch\u00fcler\/-innen der Schule am Schloss  ihre \u00dcberlebensgeschichte als Zeitzeugin"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-16326\" title=\"Holocaust-\u00dcberlebende Erna de Vries erz\u00e4hlt2\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>S\u00f6gel &#8211; \u201eDu wirst \u00fcberleben, und dann wirst du erz\u00e4hlen, was mit uns geschehen ist\u201c, so lautete der Auftrag, den Erna de Vries bei der Trennung von ihrer Mutter im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau erhalten hatte. Selbst im Alter von 91 Jahren folgt sie dieser Aufforderung schon seit \u00fcber 20 Jahren und war daher auf Einladung von Lehrerin Angela Eilermann, Fachleitung Religion, k\u00fcrzlich wieder in S\u00f6gel. Diesen besonderen Besuch sieht die Schule als wichtigen Beitrag, um die Sch\u00fcler der 8., \u00a09. und 10. Klassen f\u00fcr das Thema Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sensibilisieren und um sie zu warnen, dass in Zukunft nicht wieder \u00e4hnliche Gr\u00e4uel geschehen. F\u00e4cher\u00fcbergreifend hatten sich die Sch\u00fcler\/-innen auf den Besuch von Frau de Vries und ihrer Thematik im Geschichts-, und Religionsunterricht vorbereitet und lauschten nun aufmerksam und tief bewegt den Worten der Zeitzeugin Erna de Vries.<\/p>\n<p>Erna de Vries, die 1923 in Kaiserslautern geboren wurde und heute in Lathen als Ehrenb\u00fcrgerin wohnt, begann ihre Schilderung damit, dass ihr Vater Protestant war und ihre Mutter J\u00fcdin. Kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933 begannen die Anfeindungen gegen j\u00fcdische B\u00fcrger: Bekannte gr\u00fc\u00dften nicht mehr, beim Kaufmann wurde sie angefeindet, sie musste die \u00f6ffentliche Schule verlassen und durfte nicht mehr mit der Stra\u00dfenbahn fahren. Sie war 15 Jahre alt, als im November 1938 eine aufgebrachte Menge die Wohnung ihrer Familie verw\u00fcstete und den gesamten Hausrat zerst\u00f6rte. Erna und ihre Mutter wurden noch am selben Tag aus Kaiserslautern ausgewiesen, denn diese Stadt hatte sich zum Ziel gesetzt \u201ejudenfrei\u201c zu werden. Erna de Vries berichtete davon, wie sie einen Teil dieses Tages im Regen auf dem Friedhof am Grab ihres verstorbenen Vaters verbrachten und sp\u00e4ter in die Wohnung zur\u00fcckkehrten, wie eine Nachbarin ihnen heimlich Suppe brachte und ihre Mutter nach Jahren der Anfeindung nun zusammenbrach. Nachdem sie zu Verwandten nach K\u00f6ln geflohen waren und dort mit ihnen auf beengtem Raum wohnten, kehrte ihre Mutter nach Kaiserslautern zur\u00fcck, w\u00e4hrend Erna in K\u00f6ln blieb. Sie arbeitete in der Krankenpflege, um ihre verwitwete Mutter finanziell zu unterst\u00fctzen. Ihr sehnlichster Wunsch, \u00c4rztin werden zu k\u00f6nnen, wurde ihr jedoch verwehrt. \u00a0Um ihre Mutter wiederzusehen, fuhr sie nach Kaiserslautern, und als sie dort war, erhielt ihre Mutter den Befehl, sich f\u00fcr die Deportation bereitzuhalten. Erna wollte mit ihr gehen und mit ihr zusammenbleiben. Deshalb setzte sie alles daran, eine Erlaubnis daf\u00fcr zu bekommen. Mutter und Tochter Korn wurden mit einem Gefangenentransport nach Auschwitz deportiert, wo sie unter anderem auch eine H\u00e4ftlingsnummer auf ihren linken Arm t\u00e4towiert bekamen. Sie geh\u00f6rten zu einem Arbeitskommando, dass in einem Teich Schilf schneiden musste. Erna war in dieser Zeit 19 Jahre alt.<\/p>\n<p>Jeden Morgen f\u00fchrte der Weg die Gruppe der Arbeiterinnen an den Krematorien vorbei. Manchmal sahen sie Leichenberge davorliegen. \u201eWir wussten genau, was auch mit uns passieren sollte!\u201c, berichtete Frau de Vries. Durch das stundenlange Stehen im Teichwasser infizierten sich ihre Beine, und die gro\u00dfen Wunden verheilten nicht. Ein Arzt, der selektierte und entschied, wer arbeitsf\u00e4hig sei, schickte Erna in den Todesblock Nr. 25, wo sie am anderen Tag vergast werden sollte.<\/p>\n<p>Eine bedr\u00fcckende Stille herrschte in der Aula des H\u00fcmmling-Gymnasiums und die Sch\u00fcler\/-innen lauschten betroffen den weiteren Schilderungen. Sie hatte nur noch einen Wunsch, bevor sie sterben sollte, \u201edie Sonne zu sehen\u201c. Als sie die ersten Sonnenstrahlen erblickte, wurde ihre Nummer aufgerufen. Ein SS-Mann sagte zu ihr: \u201eDu hast Gl\u00fcck!\u201c Weil Ernas Vater evangelisch gewesen war, geh\u00f6rte sie zu den 84 Frauen, die an diesem Tag als sogenannte Halbj\u00fcdinnen (ein Begriff aus dem NAZI- Jargon) von Auschwitz in das KZ Ravensbr\u00fcck gebracht wurden, wo sie Kriegsmaterial f\u00fcr den sog. Endsieg produzieren sollten auf Befehl von Hitlers engstem Vertrauten, Heinrich Himmler. Es gelang Erna, noch einmal ihre Mutter zu treffen, um sich von ihr zu verabschieden. Dabei erhielt Erna von ihrer Mutter den schon am Anfang dieses Berichtes erw\u00e4hnten Auftrag, bevor diese dort verstarb.<\/p>\n<p>In Ravensbr\u00fcck seien die H\u00e4ftlinge als Arbeitskr\u00e4fte besser behandelt worden als in Auschwitz. Nachdem im April 1945 die Produktion eingestellt wurde, trieben Wachleute die geschw\u00e4chten KZ- H\u00e4ftlinge in den Todesmarsch. Tags\u00fcber liefen sie, nachts schliefen sie in den Stra\u00dfengr\u00e4ben ohne Nahrung. \u201eNach 7 Tagen konnte ich nicht mehr und wollte v\u00f6llig ersch\u00f6pft einfach nur liegenbleiben!\u201c Doch ihre Freundinnen hoben sie hoch und motivierten sie zum Weitergehen. In der Ferne sahen sie pl\u00f6tzlich, wie sich Leute im vorderen Feld des Trecks umarmten. \u2013 Ein amerikanischer Panzerwagen hatte die H\u00e4ftlinge erreicht: \u201eDa standen wir auf der Stra\u00dfe, hatten die Gr\u00e4uel der KZs \u00fcberlebt und waren pl\u00f6tzlich frei!\u201c<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler waren so sehr bewegt, dass sie einige Zeit ben\u00f6tigten, um das Geh\u00f6rte zu verarbeiten. Erst dann waren sie in der Lage, offene Fragen an Frau de Vries zu richten. (\u2026..)<\/p>\n<p>\u201eHaben sie noch heute Hass auf die Deutschen?\u201c Erna de Vries antwortete geduldig: \u201eIch habe nie Hass empfunden, was mir dabei geholfen hat, das alles zu verarbeiten. Ich habe auch in der schrecklichen Zeit viele gute Menschen an meiner Seite gehabt, die mir geholfen haben, darunter war auch eine gute Nachbarin, die mit Lebensmitteln ausgeholfen und sich dadurch selbst in Gefahr gebracht hat. Ich erlebte immer wieder kleine Gesten des gegenseitigen Helfens und Mutmachens. Weil es diese guten Menschen gegeben hat, kann ich heute noch die Sonne sehen\u201c.<\/p>\n<p>Eine weitere Frage lautete: \u201eWas haben Sie empfunden, als sie geh\u00f6rt haben, dass Ihre Mutter tot ist?\u201c \u201eIch habe nur gedacht, jetzt kann ihr niemand mehr was tun\u201c, antwortete Erna de Vries. Ein anderer Sch\u00fcler fragte: \u201eWelche Emotionen haben Sie, wenn Sie heute das Wort Konzentrationslager h\u00f6ren?\u201c \u201eMit Konzentrationslager verbinde ich Hunger, K\u00e4lte, schwere Arbeit, mangelnde Hygieneverh\u00e4ltnisse, Ungeziefer, Tote, Schreien, Br\u00fcllen und Schlagen\u201c, war die Antwort. Weiter wurde gefragt: \u201eHaben Sie heute noch Albtr\u00e4ume wegen der schrecklichen Erlebnisse?\u201c \u201eIch behalte keine Tr\u00e4ume, aber ich werde jeden Tag durch irgendeinen Ansto\u00df an die schrecklichen Erlebnisse erinnert, allein schon durch die eint\u00e4towierte Nummer auf meinem linken Arm\u201c, erkl\u00e4rte Erna de Vries. \u201eHaben Sie darunter gelitten, nicht \u00c4rztin geworden zu sein?\u201c fragte eine Sch\u00fclerin. \u201eJa, anfangs schon, doch heute bin ich stolz, dass einige meiner Kinder und Enkelkinder die Chance hatten, einen medizinischen Beruf zu erlernen\u201c, gab Erna de Vries freudig als Antwort. \u201eHaben Sie Erinnerungsgegenst\u00e4nde an ihre verstorbene Mutter?\u201c, fragte ein anderer Zuh\u00f6rer. Darauf antwortete sie, sie habe Fotos von ihrer Mutter zur\u00fcckbekommen, die sie h\u00fcte wie einen unwiederbringlichen Schatz.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sagte sie den Zuh\u00f6rern, dass sie mit ihrem Schicksal zufrieden sei, bedankte sich bei den aufmerksamen Zuh\u00f6rern und versprach: \u201eSolange ich noch die Kraft dazu habe, mache ich mit dem Erz\u00e4hlen meiner Erlebnisse weiter!\u201c Dazu ben\u00f6tigt sie kein Konzept und keine Notizen, da ihr Kopf voller Erinnerungen an das ist, was damals passierte.<em><\/em><\/p>\n<p>Nach der Fragerunde bedankten sich Konrektor Andreas Bouras\u00a0 und Frau Eilermann bei Erna de Vries f\u00fcr den sehr informativen und bewegenden Vortrag und \u00fcberreichten Blumen und eine Geldspende f\u00fcr ihre sozialen Projekte.<\/p>\n<p>Text: Angela Eilermann \/ Foto: Verena Albers<\/p>\n<div id=\"attachment_16325\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16325\" class=\"size-medium wp-image-16325\" title=\"Holocaust-\u00dcberlebende Erna de Vries erz\u00e4hlt1\" src=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt1-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt1-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.forum-soegel.de\/information\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Holocaust-\u00dcberlebende-Erna-de-Vries-erz\u00e4hlt1.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16325\" class=\"wp-caption-text\">Das Foto zeigt von links: Angela Eilermann , Erna de Vries und Andreas Bouras.<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"S\u00f6gel &#8211; \u201eDu wirst \u00fcberleben, und dann wirst du erz\u00e4hlen, was mit uns geschehen ist\u201c, so lautete der Auftrag, den Erna de Vries bei der Trennung von ihrer Mutter im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau erhalten hatte. 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