{"id":1364,"date":"2012-08-16T15:52:26","date_gmt":"2012-08-16T13:52:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/forum\/?p=1364"},"modified":"2012-08-16T15:52:26","modified_gmt":"2012-08-16T13:52:26","slug":"integration-nach-1945-in-niedersachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.forum-soegel.de\/forum\/archives\/1364","title":{"rendered":"Integration nach 1945 (in Niedersachsen)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zuwanderung und Integration nach 1945 (in Niedersachsen) \u2013 eine pers\u00f6nliche Sichtweise <\/strong><strong>von Heribert Tolkmitt<\/strong><\/p>\n<p>Das Land Niedersachsen wurde in der Vergangenheit und wird auch in der Gegenwart hinsichtlich der Bev\u00f6lkerung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur durch Zuwanderung und Integration gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Vier unterschiedliche Gruppen von Zuwanderern sind zu unterscheiden:<\/p>\n<ol>\n<li>Deutsche Fl\u00fcchtlinge      und Vertriebene<\/li>\n<li>Arbeitsmigranten\/innen<\/li>\n<li>Aussiedler\/innen und      Sp\u00e4taussiedler\/innen<\/li>\n<li>Ausl\u00e4ndische      Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Zuwanderung geschah zu verschiedenen zeitlichen Phasen, in unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfenordung und aus ganz spezifischen Gr\u00fcnden, genauso vielf\u00e4ltig sind die Herkunftsregionen. Viele von ihnen, die nach Niedersachsen kamen, sind geblieben und haben ganz entscheidend an der Entwicklung des Landes mit gewirkt.<\/p>\n<p>Die deutschen Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen stellen zahlenm\u00e4\u00dfig die bedeutendste der vier Zuwanderergruppen seit 1945 dar. 14 Millionen Deutsche verlassen Ende 1944\/Anfang 1945 ihre Heimat, werden deportiert oder in die Flucht geschlagen. In unz\u00e4hligen Trecks dr\u00e4ngen Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreu\u00dfen, Pommern, Brandenburg und Schlesien in den Westen. Schlecht ausger\u00fcstet, ohne ausreichende Lebensmittel und den milit\u00e4rischen Kr\u00e4ften schutzlos ausgeliefert, begeben sich die Deutschen auf einen Leidenszug quer durch das zerst\u00f6rte Land gen Westen.<\/p>\n<p>Bei der ersten auf Anordnung des <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/html\/Nachkriegsjahre\/DieAlliierteBesatzung\/alliierterKontrollrat.html\">Alliierten Kontrollrats<\/a> durchgef\u00fchrten Volksz\u00e4hlung im Oktober 1946 werden 9,6 Millionen Fl\u00fcchtlinge in den vier Besatzungszonen\u00a0 gez\u00e4hlt, davon in Niedersachen ca. 1,48 Millionen (23,4 %) Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene. Bis 1949 erh\u00f6hte sich die Zahl auf 1,8 Millionen, was einem Anteil an der nieders\u00e4chsischen Gesamtbev\u00f6lkerung von 26,4 % entsprach. Flucht und Vertreibung als Folge des von Deutschland begonnenen Krieges\u00a0 hatten diesen Menschen unvorstellbares Leid zugef\u00fcgt. Au\u00dfer dem Verlust von Heimat und Besitz hatten viele von ihnen auch den Verlust nahe stehender Menschen &#8211; Familienangeh\u00f6rige, Verwandte, Freunde und Nachbarn &#8211; erleben m\u00fcssen.\u00a0 Die von diesen negativen emotionalen \u00a0Erlebnissen und uns\u00e4glichen Strapazen belasteten Menschen kamen nach manchmal jahrelangen Odysseen mittellos an in St\u00e4dten, die von den Kriegswirren zerst\u00f6rt waren, sie stie\u00dfen hier auf Einheimische, die selbst unter den Folgen dieses barbarischen Krieges zu zerbrechen drohten. Die Unterbringung der Vertriebenen stellte zun\u00e4chst die gewichtigste und in der Praxis am schwierigsten zu bew\u00e4ltigende Aufgabe dar. Sie wurde in den westlichen Besatzungszonen zun\u00e4chst mittels einer rigiden Wohnungszwangswirtschaft bew\u00e4ltigt. Ehemalige Kasernen, leere (h\u00e4ufig schwer besch\u00e4digte) Fabrikhallen, Hotels, Bunkeranlagen, Zwangsarbeiterlager u.\u00e4. wurden zu Massenunterk\u00fcnften umfunktioniert. Bei der Suche und Auswahl von Wohnraum konnte man nicht w\u00e4hlerisch vorgehen, zumal die Wohnungsnot durch die R\u00fcckkehr vieler \u201eStadtfl\u00fcchtlinge\u201c noch schlimmer wurde.<\/p>\n<p>In kleinen St\u00e4dten und im l\u00e4ndlichen Raum waren die\u00a0 Folgen des Krieges \u00a0bis auf Ausnahmen nicht so dramatisch ausgefallen. Hier wurden die Neub\u00fcrger aus dem Osten von der kommunalen Wohnraumbewirtschaftung direkt in den Wohnungen der Einheimischen untergebracht. In den ersten Wochen und Monaten stie\u00dfen die Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen bei den Einheimischen auf Mitgef\u00fchl: Die einen wie die anderen waren davon \u00fcberzeugt, die Einquartierungen seien vor\u00fcbergehend. Als sich dann abzeichnete, dass die Ostdeutschen bleiben w\u00fcrden, gab es vielerorts \u00c4rger, denn die Wohnungsbewirtschaftung f\u00fchrte dazu, dass Alteingesessene Zimmer an Vertriebene abtreten mussten. In den westlichen Zonen lebten nun pro Quadratkilometer weit \u00fcber 200 Menschen statt wie vor dem Krieg 160.<\/p>\n<p>In dieser r\u00e4umlichen Enge entstanden Extremsituationen, die zu schier unl\u00f6sbaren\u00a0 Problemen zwischen Einheimischen und Fremden f\u00fchrten. Aber auch unz\u00e4hlige Beispiele von \u00a0Hilfsbereitschaft und N\u00e4chstenliebe den Fremden gegen\u00fcber waren Beweise herzlicher Aufnahme. (unsere Familie hat dieses in Harrenst\u00e4tte so erlebt &#8211; mit Dankbarkeit denken wir daran)<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb des Wohnens kam es nat\u00fcrlich \u00a0auch zu Konflikten zwischen Einheimischen und Fl\u00fcchtlingen, denn, wo Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, Konfession und Bildung zusammentrafen, da mussten zwangsl\u00e4ufig Spannungen und Konflikte auftreten. Die Vertriebenen befanden sich in einem Dilemma. Einerseits wurden sie von der alteingesessenen Bev\u00f6lkerung nicht mit offenen Armen aufgenommen (durchaus verst\u00e4ndlich). Auf der anderen Seite wollten sie ja so schnell wie m\u00f6glich in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Deshalb erschien eine dauerhafte Eingliederung zun\u00e4chst nicht notwendig, was nat\u00fcrlich eine Fehleinsch\u00e4tzung war. In einigen Orten der Bundesrepublik wurden erst Anfang der 70er Jahre die letzten Baracken aufgel\u00f6st, in denen Fl\u00fcchtlinge seit 1945 gelebt hatten.<br \/>\nKritisches Fazit: Die \u201eerfolgreiche Integration\u201c von ann\u00e4hernd 10 Millionen Vertriebenen und Fl\u00fcchtlingen in die bundesdeutsche Gesellschaft, in\u00a0 Schulb\u00fcchern, Festschriften und in feierlichen Anl\u00e4ssen gerne \u201eals \u00fcberaus gelungen\u201c erw\u00e4hnt und hervorgehoben, gab es so nie und geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcndungsmythen der Bundesrepublik. Bundespr\u00e4sident Johannes Rau bringt es\u00a0 in seiner \u201eBerliner Rede\u201c im Juli 2000 auf den Punkt: \u201eDiese letztlich erfolgreiche Integration war am Anfang alles andere als leicht, obwohl Deutsche nach Deutschland kamen. Viele werden nicht vergessen, auf wie viel Ablehnung sie nicht nur in D\u00f6rfern und Kleinst\u00e4dten gesto\u00dfen sind \u2013 obwohl sie schwerstes Leid getragen hatten, obwohl sie dieselbe deutsche Sprache sprachen, obwohl sie zur gleichen Kultur geh\u00f6rten, oft sogar zur selben Konfession wie ihre neuen Mitb\u00fcrger.\u201c<\/p>\n<p>Andrerseits haben auch die Einheimischen berechtigte Gr\u00fcnde gehabt, den\u00a0 neuen \u201eFremden\u201c mit Argwohn zu begegnen.<\/p>\n<p>Wer wollte das miteinander aufrechnen?<\/p>\n<p>Heute leben nur noch wenige Frauen und M\u00e4nner der\u00a0 \u201eErlebnisgeneration\u201c als Zeugen dieser Zeit. Ich als Kind dieser Generation habe erlebt, wie die entwurzelten Eltern darum gek\u00e4mpft haben, in der neuen Heimat anzukommen, wie sie um den Verlust ihrer Heimat offen oder in sich gekehrt getrauert haben. Ich selbst, 1943 in Ostpreu\u00dfen geboren, der ich meine Heimat nur vom Erz\u00e4hlen her kenne, bin als Kind und auch noch als Jugendlicher ambivalent aufgewachsen mit meinen heimatlichen Gef\u00fchlsschwankungen. Heute ist Ostpreu\u00dfen meine Heimat, da sind meine Wurzeln, der H\u00fcmmling aber ist mein Zuhause, hier f\u00fchle ich mich ausgesprochen wohl und akzeptiert. Meine eigenen Kinder, als dritte Generation aufgewachsen, sind selbstbewusste Einheimische mit \u201eMigrationshintergrund\u201c durch ihre Gro\u00dfeltern und einen\u00a0 Elternteil.<\/p>\n<p>Heute hat jede dritte Familie in Niedersachsen einen Vertriebenenbezug, auch wenn zahlreiche junge Menschen dieses nicht mehr wissen. Schade, denn das Kennen seiner eigenen Wurzeln hilft, seinen eigenen Weg im Leben zu finden.<\/p>\n<p>Heute, 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sind die Wunden des Krieges und der Vertreibung und Flucht fast unsichtbar vernarbt. Die Geschichte hat es mit den Deutschen gut gemeint, denn\u2026 wer h\u00e4tte 1945 sich vorstellen k\u00f6nnen, wie schnell und erfolgreich sich dieses neue Deutschland wieder in die Weltgemeinschaft eingliedern und dort auch an hervorragender Position behaupten kann. Selbst die Wiedervereinigung ist unglaubliche zwei Jahrzehnte Geschichte, trotz vieler negativer Zwischenrufe einiger Unverbesserlicher und Pessimisten eine Erfolgsstory ungeahnten Ausma\u00dfes.<\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber Migration und Migranten in Deutschland heute sollte fair gef\u00fchrt werden. Nicht das flegelhafte Auftreten einiger ausl\u00e4ndischer Machos in den t\u00e4glichen \u201eNachmittagstalks\u201c oder andere Negativschlagzeilen d\u00fcrfen Grundlage unserer Meinungsbildung sein. Nehmen wir nicht nur bewusst\u00a0 die schlechten Seiten wahr, sondern erkennen wir die \u00fcberwiegenden guten Aspekte an, die durch diese\u00a0 Neub\u00fcrger in unsere Gesellschaft eingebracht werden.<\/p>\n<p>Seien wir aber auch stolz dar\u00fcber, dass ausl\u00e4ndische Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende unser sch\u00f6nes Land als sicheren Zufluchtsort w\u00e4hlen, das war zu Zeiten eines \u201eTausendj\u00e4hrigen Reiches\u201c schon einmal ganz anders.<\/p>\n<p>Die Aussiedlerinnen und Aussiedler aus den ehemaligen kommunistischen L\u00e4ndern des Ostblocks haben sich binnen kurzer Zeit in unsere westliche Gesellschaft integrieren lassen. Die Pflege ihrer Sprache und ihres Brauchtums sollte man ihnen nicht verwehren oder ankreiden. Die Entwicklung auch unserer Gemeinde S\u00f6gel hat durch den Zuzug dieser Familien gewaltig an Fahrt aufgenommen, dass k\u00f6nnen wir ohne \u201eWenn und Aber\u201c eingestehen. Unter dem Aspekt des demographischen Wandels wird dieser spezielle Zuzug noch ganz andere Dimensionen bekommen.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen haben nach 1945\u00a0 als Neub\u00fcrger einen gro\u00dfen Beitrag f\u00fcr die Modernisierung der jungen Bundesrepublik Deutschland geleistet. \u201eGerade auf dem Land leisteten sie einen substanziellen Beitrag zur Entprovinzialisierung, S\u00e4kularisierung und Urbanisierung Deutschlands.\u201c Den anfangs unwillkommenen Zuwanderern verdankt unser Land einen wesentlichen Teil jener Modernisierung, auf die heute jeder Deutsche stolz sein kann und sein sollte.<\/p>\n<p>Die deutsche Geschichte ist eine Geschichte von Migration, Integration und oft auch &#8211; nach vielen Generationen erst &#8211; kultureller Verschmelzung. Jede der Zuzugswellen hat bei uns Spuren hinterlassen, hat unsere heutige Kultur mit gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Sollten wir es nicht auch bei diesem Thema halten mit jenem gro\u00dfen Deutschen, der frei ist jeglicher Parteilichkeit:<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Land, das die Fremden nicht besch\u00fctzt, geht bald unter&#8220; (Goethe)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zuwanderung und Integration nach 1945 (in Niedersachsen) \u2013 eine pers\u00f6nliche Sichtweise von Heribert Tolkmitt Das Land Niedersachsen wurde in der Vergangenheit und wird auch in der Gegenwart hinsichtlich der Bev\u00f6lkerung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur durch Zuwanderung und Integration gepr\u00e4gt. 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