Bäckerei Anneken, Werpeloh – seit 100 Jahren auf dem Hümmling ansässig

1. September 2012

Das 100jährige Bestehen eines Betriebes – zumal eines Handwerksbetriebes im ländlichen Raum – regt an, Rückschau zu halten.

Wie fing alles an vor 100 Jahren, im letzten Abschnitt eines Jahrtausends?

Wie schafften es die Menschen, die vor uns gelebt haben, aus kleinsten Anfängen heraus ein Unternehmen durch zwei Weltkriege und zwei Inflationen, durch wirtschaftliche Durststrecken und persönliche Tragödien zu steuern und weiter zu entwickeln?

Gründer der Bäckerei ist Anton Melchior Anneken. Er begann am 21. April 1903 in der „Brot- und Pfefferkuchenbäckerei“ Jansen in Sögel eine Bäckerlehre, welche er am 23. April 1906 mit einer guten Gesellenprüfung abschloss.

Anton M. Anneken blieb noch einige Jahre als Bäckergeselle bei Jansen und bereitete sich auf die Meisterprüfung vor. Zunächst jedoch musste der junge Bäcker noch seinen Dienst „für Volk und Vaterland“ ableisten und wurde 1910 zum Wehrdienst im Kaiser Franz-Garde-Grenadier Regiment Nr. 2 in Berlin einberufen. Nach seiner Rückkehr legte er am 22.04.1914 vor dem Prüfungsausschuss der Handwerkskammer Osnabrück die Meisterprüfung ab.

Er hatte mit Unterstützung seines Vaters an der Straße Sögel-Börger, in der Ortsmitte von Werpeloh, ein Grundstück zur Errichtung einer Bäckerei mit kleinem Gemischtwaren-Laden und Wohnhaus erworben. Im September 1912 erfolgte die Eintragung der neuen Bäckerei in die Handwerksrolle.

In den Anfangsjahren wurden hauptsächlich Schwarzbrotlaibe, ca. 24 Pfund schwer, hergestellt. Sie wurden in einem sogenannten „Tunnelofen“, der mit Holz und Torf beschickt wurde, gebacken. In großen Holztrögen wurde der Teig geknetet- natürlich mit der Hand. Den zur Schwarzbrotherstellung erforderlichen Roggen brachten die Leute von Werpeloh zur Backstube. Daneben wurden Brotteige abgebacken, die die Hausfrauen selbst hergestellt hatten.

Nach und nach begann Anton Anneken auch damit, Zuckerzwiebäcke – die heute noch hochgeschätzten „Koffi-Beschüt“ – zu backen. Am Wochenende packte der Meister seine Produkte in einen Armkorb und ging damit von Haus zu Haus.

Eine Spezialität des Hauses sind bis heute die Spekulatius, die in der Adventszeit noch immer von Hand und nach des Gründers Rezeptur hergestellt werden und weit und breit bekannt sind. Auch auf die traditionellen Martinsgänse und Stutenkerle aus dem Hause Anneken freuen sich die Leute Jahr für Jahr. Dass nur erstklassige Rohstoffe aus der Region verarbeitet werden, war und ist für die Bäckerei selbstverständlich.

Der Erste Weltkrieg bedeutete für das junge Unternehmen eine harte Zerreißprobe. Da sich das Geschäft noch in der Anfangsphase befand, wurde Anton Anneken zunächst vom Kriegsdienst zurückgestellt, erhielt jedoch 1916 einen endgültigen Stellungsbefehl. Ein Jahr später wurde er so schwer verwundet, dass ihm ein Bein amputiert werden musste. Er kehrte als Invalide nach Werpeloh zurück und übernahm wieder das Ruder in der Bäckerei, die seine Schwester Margarethe während seiner Abwesenheit versucht hatte, in Gang zu halten.

Die Arbeit am heißen Ofen, das lange Stehen und eine Prothese, die noch weit vom heutigen Standard künstlicher Gliedmaßen entfernt war, haben dem Kriegsveteranen zeitlebens große Schwierigkeiten bereitet. Dennoch ließ Anton A. sich nicht unterkriegen. Noch heute ist er bei den Werpelohern wegen seines Humors und seiner Warmherzigkeit in freundlicher Erinnerung.

1920 heiratete er Maria Klahsen aus Börger. Die Ehe war mit 10 Kindern gesegnet.

Dem unermüdlichen Einsatz von Maria Anneken ist es maßgeblich zu verdanken, dass trotz Inflation und Rezession als Folge des 1. Weltkrieges und trotz der Katastrophe des 2. Weltkrieges die Bäckerei Anneken weiterhin gedieh. Maria starb kurz vor Vollendung ihres 104. Lebensjahres im September 1999.

Neben der Bäckerei entwickelte sich auch das Ladengeschäft. Zu den sog. Kolonialwaren wurden Eisenwaren, Porzellan und Spielwaren ins Sortiment aufgenommen.

Als Nachfolger des Vaters war der zweite Sohn, Bernhard Anneken, vorgesehen gewesen. Das Schicksal meinte es jedoch anders. Nachdem er 1944 die Gesellenprüfung im Bäckerhandwerk abgelegt hatte, wurde Bernhard A.

zum Kriegsdienst einberufen. Der erst 17-jährige starb in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges den Soldatentod.

Seinen Platz nahm später der zweitjüngste Sohn Josef ein. Er erlernte das Bäckerhandwerk in der Firma Uchtmann in Lathen und wollte nach der Gesellenprüfung die erlernten Kenntnisse in anderen Betrieben anwenden und vertiefen.

Nach einem Jahr in einer bekannten Hamburger Bäckerei wurde Josef jedoch nach Hause zurückgerufen. Der Gesundheitszustand des Vaters Anton verschlechterte sich zusehends, so dass er seine Arbeit in der Backstube nicht mehr leisten konnte. Josef Anneken belegte einen Meisterkurs an der Bäckerfachschule in Olpe und konnte bereits mit 22 Jahren, im Dezember 1961 die Meisterprüfung ablegen. Außerdem erhielt er die Sondergenehmigung, von dato an auch Lehrlinge auszubilden.

Unter Josefs Leitung wurde eine erste umfassende Modernisierung der Bäckerei in Angriff genommen. Die Ölbefeuerung des Backofens war bereits Ende der 1950er Jahre installiert worden. Nun brachte die Anschaffung moderner Maschinen und Hilfsmittel eine wesentliche Arbeitserleichterung, und ein effizienter arbeitender neuer Backofen ermöglichte eine Erweiterung des Angebotes an Brotsorten und hochwertigen Backwaren aller Art. Auch frische Brötchen zum Frühstück waren nun täglich zu haben.

1964 starb Anton Melchior Anneken, der Gründer der Bäckerei.

Die fortschreitende Entwicklung auf dem Bäckerei-Sektor machten ständige Erweiterungen der Produktionsfläche, eine fortlaufende Modernisierung der Maschinen und Hilfsmittel sowie mehrfache Umgestaltungen der Verkaufsfläche erforderlich.

In all den Jahren bildete Josef Anneken Lehrlinge aus, die mit guten und sehr guten Abschlüssen ihre Gesellenbriefe erhielten. Auch der erste weibliche Bäckerlehrling  im Altkreis Hümmling – damals fast eine Sensation- wurde bei Josef Anneken beschäftigt. Bei Wettbewerben, die auf Bezirks- und Landesebene durchgeführt werden, gehörten Azubis aus dem Hause mehrere Male zu den Gewinnern.

Gegen Ende der 1980er Jahre kam in der Firma Anneken die Frage der Nachfolge ins Spiel. Sohn Michael wusste von Kindesbeinen an, was ein Bäckerei- und Geschäftsbetrieb beinhaltete und welch hoher persönlicher Einsatz und auch Opfer im Privatleben dem Inhaber abverlangt werden.

Obwohl zunächst noch unschlüssig, bereitete er sich jedoch darauf vor, die Nachfolge seines Vaters Josef anzutreten. Er erlernte im Betrieb „Schäfers Backstuben“ in Osnabrück das Bäckerhandwerk und schloss daran eine Konditorenausbildung in Meppen an. Michael erwarb noch die Fachhochschulreife, das sog.

„Fachabitur“ im Bereich Lebensmittel und Ernährung und legte 1994, wie schon sein Vater 1961, in der Bäcker-

fachschule Olpe im Sauerland die Meisterprüfung ab.

Nach der Zivildienstzeit, welche er als Rettungssanitäter absolvierte, vertiefte er in verschiedenen Bäckereibetrieben seine Kenntnisse sowohl in praktischer als auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht. Nun war er gerüstet, den Familienbetrieb zu übernehmen.

Am Beginn des 21.Jahrhunderts, am 1. Januar 2000, übergab Josef Anneken seinem Sohn Michael die Firma,  welche er zusammen mit seiner Ehefrau Heidi seitdem führt.

Er machte aus dem Lebensmittelgeschäft mit Bäckerei ein modernes Bäckerei-Fachgeschäft mit einem Lebensmittelangebot für die Nahversorgung. Die freigewordenen räumlichen Kapazitäten konnten wiederum für die Vergrößerung der Backstube genutzt werden.

Mit Stolz kann die Firma nunmehr auf 100 Jahre Familienbäckerei zurückblicken und könnte den kommenden Jahren gelassen entgegen sehen.

Wie aber werden diese Jahre aussehen?

Bei Annekens selbst scheint durch zwei Söhne und eine Tochter die Zukunft gesichert zu sein. Aber wird es für Bäckereien auf dem Dorf überhaupt eine Zukunft geben?

Schon heute ist es sehr schwer, geeignete Auszubildende zu bekommen. Der Bäckerberuf ist für viele Schulabgänger unattraktiv, denn das nun einmal unvermeidliche frühe Aufstehen und die Wochenendarbeit schrecken viele Jugendliche ab.

Und die europaweit agierenden Backfabriken mit ihren tiefgefrorenen Massenprodukten machen es für die kleinen Familienbetriebe schwierig zu bestehen.

Dennoch blickt die Familie zuversichtlich nach vorn. Denn trotz fortschreitender Technisierung und Industrialisierung auf dem Bäckereisektor wird eines gültig bleiben:

das handwerkliche Können und das persönliche Engagement des Unternehmers.

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